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Transkript

Hallo und herzlich willkommen bei Coconut-Talk, deinem Podcast über das Leben in Indonesien!

Ich bin deine Gastgeberin Gunda und gemeinsam mit meinen Gästen werden wir die zahlreichen Inseln Indonesiens entdecken.

Freu dich auf spannende, kuriose und manchmal auch kritische Themen.

Viel Spaß beim Zuhören und beim Erkunden des größten Inselreichs der Welt!

 

Gunda: Selamat datang und herzlich willkommen zu unserer neuen Folge von Coconut-Talk.

Bei mir zu Gast ist heute Sina. Sina kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Südhessen und lebt seit über 4 Jahren in Yogyakarta auf Java.

Aber Sina lebt nicht nur in Indonesien, sondern sie hat auch indonesische Wurzeln – da werden wir gleich mehr dazu erfahren.

Wir haben heute ein spannendes Thema, und zwar wie es ist, zwischen 2 Welten aufzuwachsen, die sehr unterschiedlich sind und letztendlich auch zwischen zwei Welten zu leben. Außerdem werden wir von Sina erfahren, wie sie die Schwangerschaft und Geburt ihres ersten Sohnes in Indonesien erlebt hat. Vor kurzem ist sie zum zweiten Mal Mama geworden, allerdings nicht in Indonesien.

Ja Sina, herzlich willkommen und schön, dass du da bist.

Sina: Hallo. Ja, finde ich auch.

Gunda: Erzähl uns doch einfach mal zu Beginn, was du normalerweise in Yogyakarta machst.

Sina: Normalerweise bin ich Hausfrau, wenn man so möchte. Erst mit einem Kind, jetzt mit zwei. Nebenbei arbeite ich noch als Grafikdesignerin online und habe auch angefangen, ein kleines Label zu gründen und Taschen zu nähen und zu verkaufen.

Gunda: Spannend, okay klingt cool.

Sina: Aber hauptsächlich Mama im Moment.

Gunda: Das ist ja schon ein Vollzeitjob!

Die Frage „Warum Indonesien?“ fängt ja bei dir eigentlich schon ganz früh an, die lässt sich bis ganz weit zurückverfolgen. Ich habe es vorhin schon gesagt, du hast einen indonesischen Vater, zu dem du lange keinen Kontakt hattest. Das hast du mir vorab schon erzählt. Und es hat auch eine Weile gedauert, bis du das erste Mal nach Indonesien gekommen bist.

Magst du vielleicht ein bisschen was dazu erzählen, über eure Familienhintergründe und wie es dann letztendlich dazu kam, dass du nach Indonesien gereist bist?

Sina: Genau, also ich fange mal ganz vorne an.

Meine Eltern haben sich kennengelernt, als meine Mama 1989 als Backpackerin in Indonesien unterwegs war. Dann kam mein Vater erstmal eine Weile mit her und dann war ich auf dem Weg. Und naja, wirklich funktioniert hat es leider nicht und dann ist mein Vater wieder nach Indonesien zurück. Damals wollte meine Mama natürlich mit einem Kind nicht unbedingt nach Indonesien und daher bin ich dann hier auf die Welt gekommen.

Mit dem Kontakt war es früher auch viel schwieriger, es gab natürlich noch kein Internet und so. Er hat mich dann auch noch mal besucht, als ich gerade auf die Welt kam. Da kann ich mich natürlich nicht daran erinnern, aber letztendlich hat sich der Kontakt dann so ein bisschen verlaufen.

Ich bin hier in einem kleinen Dorf in Südhessen aufgewachsen mit 600 Einwohnern und habe eigentlich keine wirklichen Berührungspunkte mit meiner indonesischen Herkunft oder mit den indonesischen Wurzeln gehabt, außer dass ich natürlich irgendwann gemerkt habe, dass ich ein bisschen anders aussehe als die anderen Kinder. Als Kind sah ich auch sehr asiatisch aus. Da habe ich natürlich gemerkt, so okay, die anderen Kinder sind eigentlich alle blond und heißen irgendwie Marie und Julia oder so. Und sie sind da auch öfter mal direkt, auch wenn sie es nicht unbedingt gemein meinen oder so, aber man möchte natürlich dann schon irgendwie dazugehören. Da ist mir natürlich aufgefallen, dass ich irgendwie doch ein bisschen raussteche, weil ich anders aussehe.

Ich habe auch ab und zu meine Mama Sachen gefragt über Indonesien oder über meinen Vater und sie hat mir das auch immer erzählt, aber so wirklich großes Interesse an Indonesien selbst oder so hatte ich eigentlich nie. Es hat eher gestört, da ich anders ausgesehen habe.

Gunda: Ja, ich kann das nachvollziehen, weil ich selber einen Vater aus einem anderen Land habe und in Deutschland aufgewachsen bin. Ich glaube, es ist so, dass man als Kind doch immer dazugehörend will und nicht wirklich anders sein will. Als Erwachsene ist das dann anders – ich bin manchmal ganz froh, wenn ich aus der Reihe tanze, aber als Kind ist es dann doch was anderes, da will man einfach dazugehören zu den anderen.

Sina: Ich hatte immer so Phasen, wo ich ein bisschen interessiert daran war und dann wieder überhaupt nicht und zu meinem 16. Geburtstag hat mir mein Vater damals eine Karte aus Indonesien geschickt. Ich weiß noch, dass mich das total aufgewühlt hat, weil ich mich irgendwie auf der einen Seite gefreut habe, aber auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie ich damit umgehen soll. Dann habe ich auch irgendwie gedacht, warum er sich jetzt meldet und nicht vorher.

Dabei habe ich im Nachhinein erfahren, dass es gar nicht so leicht war, mich zu erreichen. Ich meine, übers Internet ist es ja heutzutage viel einfacher, jemanden zu finden, aber wenn man die Adresse von jemanden rausfinden soll, der auf der anderen Seite der Welt wohnt, ist das gar nicht so leicht.

Und als ich 18 war, hatte ich die Möglichkeit, ihn kennenzulernen. Ich habe am Anfang ein bisschen gezögert, aber dann habe ich gedacht, wenn ich das jetzt nicht mache, werde ich es irgendwann bereuen. Somit habe ich dem Ganzen eine Chance gegeben und bin sehr froh darum. Wir haben uns gut verstanden und ich wurde auch von seiner jetzigen Frau, sie ist Holländerin, sehr lieb aufgenommen. Es war total herzlich und ganz anders, als ich es erwartet hätte, auch wenn ich jetzt gar nicht mal genau sagen kann, was ich erwartet habe, weil es so eine Ausnahmesituation ist.

Gunda: Wo habt ihr euch da getroffen – in Indonesien oder wie war das?

Sina: Nein. Er lebt jetzt seit vielleicht 15 Jahren in Holland. Nach dem großen Erdbeben in Yogyakarta sind sie umgezogen nach Holland, dort habe ich auch noch einen Halbbruder.

Wir hatten uns bei gemeinsamen Bekannten von früher getroffen. Das hat sich auch irgendwie erst so ergeben. Sie hatten mich eingeladen und haben gesagt: „Ja, dein Vater wird auch kommen und wenn du möchtest, kannst du ihn kennenlernen.“

Mein erster Gedanke war: ne. Dann habe ich aber noch mal drüber nachgedacht und mir gedacht: ja komm, irgendwie ist es ja auch ein Teil von dir und wenn es irgendwann nicht mehr möglich ist und ich dann den Wunsch verspüre, ihn kennenzulernen, dann bereue ich es bestimmt.

Also bin ich in die Schweiz gefahren, um die Bekannten zu treffen.

Gunda: Okay, die Schweiz. Ja, das ist wenigstens nicht so weit weg wie Indonesien, gell?

Sina: Nee genau. Ich glaube, ich hätte auch nicht den Mut gehabt, einfach nach Indonesien zu reisen, weil ich auch überhaupt nichts darüber wusste. Ich glaube, das hätte ich mich nicht getraut, da einfach auf gut Glück hinzufahren. So hatte ich zumindest das Gefühl, wenn es mir gar nicht passt, dann steige ich ins Auto und fahre wieder nach Hause.

Gunda: Ja, verständlich, man hat dann ein bisschen ein Sicherheitsgefühl.

Und wie ist das Treffen mit deinem Vater dann verlaufen?

Sina: Ich war am Freitag bereits angereist und war schon bei unseren Bekannten. Ich habe meine Mama mitgenommen, weil ich gesagt habe, ich möchte nicht alleine hin. Wir sind dann nochmal in die Stadt gefahren und ich wusste, dass nachher, wenn wir wiederkommen, er auch da ist. Als wir aus dem Auto gestiegen sind und er mich gesehen hat, hat er sofort gesagt „Sina“ und hat mich umarmt. Irgendwie war das voll abgefahren, dass er mich auch erkannt hat ,weil ich meine – klar, er hat meine Mutter gesehen und dann war ihm wahrscheinlich klar, wer ich bin, aber es war irgendwie auch direkt so eine Verbindung da.

Der erste Satz, den ich rausgebracht habe, als ich ihn gesehen habe, war: „You are small!“, denn er ist so groß wie ich und ich war halt eher immer klein. Ich bin 1,61 und irgendwie hatte ich dann gemerkt, woher meine Körpergröße kommt.

Der Rest des Treffens ist irgendwie voll verschwommen, weil ich wie in einer Blase war. Aber er war total glücklich. Mir hat Jahre später meine Stiefmutter erzählt, dass er mich ganz lange kontaktieren wollte, aber Angst hatte, dass ich das nicht möchte. Aus der Angst heraus hat er das dann nicht gemacht hat. Es war spannend, auch mal die andere Seite zu hören und wie er sich gefühlt hat.

Das Treffen war im Mai und dann haben sie mich direkt eingeladen in dem Jahr, im Sommer mit nach Indonesien zu kommen. Da hatte ich aber schon was geplant für den Sommer. Ich habe dann gesagt, ich komme gerne mal mit, würde aber vorher gerne nach Holland zu Besuch kommen, um uns einfach ein bisschen besser kennenzulernen und auch meinen kleinen Bruder zu treffen. Er war damals vielleicht 6 oder so.

Schließlich habe ich sie in den Herbstferien – damals ging ich noch auf die Schule – eine Woche besucht. Damals waren wir ein bisschen in den Niederlanden unterwegs und haben zusammen indonesisch gekocht. Das war total schön. Die Woche ging auch total schnell rum, weil alles total vertraut war, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kannten.

Leider hatte ich auch in dem folgenden Jahr schon was geplant für den Sommer, weil ich Abitur gemacht habe und danach ein Jahr in Amerika als Au Pair war. Das heißt, es hat dann erst 2013 geklappt. Ich habe damals auch gesagt, dass ich den ersten Sommer, in dem es geht, auf jeden Fall mit ihnen nach Indonesien kommen möchte. Sie fliegen jedes Jahr 4 Wochen nach Indonesien, die Familie besuchen und dann noch ein bisschen reisen.

Ich habe gedacht, dass es eigentlich die perfekte Möglichkeit ist, das Land mit meinem Vater kennenzulernen und 2013 haben sie mich dann mitgenommen. Der erste Stopp ist immer in Jakarta, bei der Familie von meinem Vater. Sein Vater lebt noch und damals hat noch die Mutter des Vaters, also seine Oma bzw. meine Uroma gelebt. Sie ist leider mittlerweile verstorben. Er hat noch zwei Schwestern und einen Bruder, die jeweils auch noch eine Familie haben, also eine ganz schön große Familie hat er dort.

2013 sind wir vier Wochen hingeflogen und haben dort den ersten Stopp eingelegt. Das war total abgefahren nach dem langen Flug diese Großfamilie kennenzulernen, die alle total aufgeregt und begeistert waren, mich kennenzulernen, weil sie zwar von mir wussten, aber bis jetzt nicht wussten, ob sie mich mal treffen würden oder so.

Alle waren total herzlich und total nett.

Da habe ich mir dann auch die Frage gestellt, wie das wäre, wenn von meinem Onkel eine Tochter, die keiner kennt, zu meiner deutschen Familie dazu kommt oder so, denn ich habe auch eine ziemlich große deutsche Familie von meiner Mama. Da habe ich mich gefragt, wie das wäre, wenn da jetzt einfach jemand dazu kommt. Ich weiß nicht, ob man dann hier so offen wäre. Also wir würden sie natürlich nicht ausstoßen oder so, aber einfach, dass sie da so herzlich waren und mich so willkommen geheißen haben, das war schon echt total schön.

Gunda: Ja, die Gastfreundschaft, die ist da schon ein bisschen anders als zu den Deutschen, würde ich jetzt mal so ganz vorsichtig behaupten.

Sina: Ja, schon.

Dann waren wir ein paar Tage dort und danach noch mit der ganzen Familie ein paar Tage in Bandung. Das war auch total schön. Ich habe relativ viele Cousinen, die auch in meinem Alter sind und gut Englisch können. Ich konnte damals gar kein indonesisch. Wir hatten echt eine schöne Zeit dort. Danach sind wir zu viert, also mein Vater, meine Stiefmutter und mein Halbbruder weiter nach Yogyakarta.

Und dort hat es mir auf Anhieb irgendwie total gut gefallen, ich habe mich total wohl gefühlt und irgendwie hatte ich so ein bisschen das Gefühl, wie heimkommen, obwohl ich noch nie dort gewesen bin. Das war auch der Ort, wo sich meine Eltern damals kennengelernt haben und wo mein Vater sehr lange gewohnt hat. Irgendwie hatte ich da direkt so eine Verbindung hin.

Gunda: Ja, es ist auch eine besondere Stadt. Es ist eine Künstlerstadt mit vielen Studenten, vielen jungen Leuten. Ich glaube, das ist auch eine interessante Mischung, wenn man dahin kommt in jungen Jahren, sage ich jetzt mal.

Sina: Genau. Und dort haben sie dann alle ihre Freunde zusammengetrommelt und ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber mein Vater war auf jeden Fall sehr stolz, zu zeigen, dass ich dabei bin. Das war total schön.

Gunda: Die Tochter aus Deutschland.

Das war dann der erste Besuch – für vier Wochen hast du gesagt?

Sina: Ja, wir waren dann noch auf Bali. Sie haben gesagt, dass sie normalerweise auf irgendeine verlassene Insel reisen würden, aber wenn ich jetzt das erste Mal dabei bin, dann sollten wir dahin, einfach, um die Kultur kennenzulernen und so. Wir haben auch ganz viele touristische Sachen gemacht, aber es waren trotzdem total tolle Wochen. Ich habe auch ganz viel in mein Tagebuch geschrieben und super viele Fotos gemacht. Es war schon sehr beeindruckend und mir war sofort klar, dass ich so schnell wie möglich wieder kommen möchte.

Ich hatte damals gerade erst mein Studium angefangen in Mainz und habe geguckt, dass ich auf jeden Fall während des Semesters ganz viel arbeite, damit ich in den Semesterferien wieder rüber fliegen kann. Das Jahr drauf war ich dann zwei Monate dort.

Gunda: Wow, gleich zwei Monate.

Sina: Ja, gleich die vollen 60 Tage vom Visum.

Und so ging es dann eigentlich auch weiter in den darauffolgenden Jahren, dass ich jedes Mal während des Semesters sehr viel gearbeitet habe, damit ich mir es leisten konnte, für die ganzen Semesterferien wieder hinzufliegen. Ich habe jedes Mal zuerst die Familie besucht und bin dann weiter. Meist habe ich jedes Mal noch ein paar neue Inseln besucht.

Gunda: Das heißt, du hast da schon dann auch deine Wurzeln gespürt, gell?

Sina: Ja, irgendwie schon.

Also irgendwie hatte ich auch mehr das Gefühl, dass viele Leute mich ein bisschen mehr so behandeln, als würde ich dazugehöre, komischerweise. Also es kam natürlich auch drauf an, wo ich hingekommen bin, aber ich wurde da oft auf Indonesisch angesprochen.

Ich habe dann angefangen, ein bisschen was zu lernen, aber noch nicht so wirklich und die Leute haben dann immer gemerkt, ach nee, doch nicht und haben gefragt, ob ich irgendwie indonesische Wurzeln habe oder gemischt bin.

Gunda: Gab es denn auch in der Anfangszeit oder auch vielleicht jetzt noch immer mal wieder so Aha-Momente, wo du gesagt hast „oh ja, genau, hier gehör ich her“ oder „oh ja, genau, das kommt mir bekannt vor“ oder der so vertraute Gefühle, wo du sagst „ja, das ist schon meine zweite Hälfte“? Gibt’s da irgendwas, woran du dich erinnerst?

Sina: Also was ich ganz interessant fand, meine Mama hatte mir irgendwann mal gesagt, dass ich als Kind nie sehr rebellisch war. Als Kind und auch in der Gruppe war ich immer eher so ein bisschen ruhiger und habe Sachen mit mir selber ausgemacht. Ich habe nicht wirklich rebelliert oder Türen geschmissen.

Und als sie nach den ganzen Jahren selber mal wieder in Indonesien war, hat sie gemerkt, dass es meine asiatische Seite ist, dass ich das nicht so raus lasse, sondern eher mit mir selber ausmache.

Das war voll interessant, dass sie das so beobachtet hat und dass das scheinbar irgendwie vererbbar ist.

Gunda: Interessant.

Gibt es auch Dinge in Indonesien, wo du sagst „boah, ne, das geht gar nicht, das ist eine ganz andere Mentalität“? Oder Dinge, die du anders gelernt hast oder Sachen, die dich manchmal ein bisschen in einen Zwiespalt bringen?

Sina: Ja, vor allem seit mein erstes Kind da ist, ist mir aufgefallen, dass die Emotionen nicht so gezeigt werden. Das finde ich manchmal ein bisschen schade, dass man den Kindern direkt vermittelt, dass sie nicht weinen sollen oder so. Ich bin da ganz anders aufgewachsen und sehe es auch ganz anders. Ich finde, dass man den Kindern das Gefühl geben sollte, dass es okay ist, wenn sie ihre Emotionen zeigen und dass sie auch weinen dürfen. Dass man die Kinder irgendwie begleitet und nicht die Emotionen unterdrückt.

Wenn unser Sohn zum Beispiel hingefallen ist oder so, dann waren alle gleich so „ach, machts nix, du musst nicht weinen“ und so. Ich meine, ich bin jetzt auch nicht jemand, der direkt hin rennt und fragt, ob was passiert ist, aber ich warte ab und gucke und nehme ihn aber ernst, wenn ich sehe, dass er weint.

Gerade bei Dingen, bei denen es nicht nur ein kleiner Kratzer ist, finde ich das irgendwie schade, wenn man ihnen direkt das Gefühl gibt, es ist nicht wichtig oder „stell dich nicht so an“ oder so. Das ist mir gerade in Bezug auf die Kinder sehr aufgefallen, dass man nicht wirklich viele negative Emotionen zeigt, weil es nicht so normal in der Kultur ist. Ich finde das ein bisschen schade, dass es eben von vornherein schon so beigebracht wird, dass sie lieber nicht weinen sollen.

Gunda: Also das ist total interessant, dass du genau das ansprichst, denn meine Erfahrung ist ein bisschen anders. Ich bin ja hauptsächlich in Ost-Indonesien unterwegs gewesen bzw. ich lebe dort – vorher Papua und jetzt Molukken – und die unterscheiden sich dann schon sehr von Zentral- und West-Indonesien. Papua ist natürlich noch mal extremer, da werden Emotionen ganz krass gezeigt, sage ich jetzt mal, aber auch hier auf den Molukken da geht man noch ein bisschen mehr aus sich heraus. Also es ist nicht ganz so zurückhaltend wie jetzt auf Java.

Sina: Ja, es ist total interessant, dass es woanders anders ist. Denn ich kenne es quasi nur so und ich meine, Java ist ja schon sehr dominant, weil es einfach bevölkerungsreichste Insel ist.

Gunda: Ich denke, es ist auch wichtig für Kinder, dass sie Emotionen zulassen können, denn das zieht sich ja sonst bis ins Alter, wenn sie von vornherein dazu erzogen werden, keine Emotionen zu zeigen.

Sina: Ja, ist interessant, dass du genau das ansprichst. Denn es gibt noch etwas, das mir extrem negativ aufgefallen ist bei der Geburt meines ersten Sohnes. Mein Mann hat da 2,3 Tränen verdrückt und die Hebammen meinten: „Oh, jetzt weint der Papa.“ Und ich dachte, das ist so unangebracht gerade. Also auch wenn ihr das komisch findet, das muss man doch nicht so kommentieren.

Aber das ist das Gleiche, wenn meine Mama mal zu Besuch kommt, und wir uns am Flughafen verabschieden. Wir umarmen uns und weinen. Da habe ich gemerkt, dass die Leute, die dann außen rum stehen, schon fast so gucken wie betreten irgendwie.

Gunda: Wie peinlich berührt dann, gell.

Also da merkst du dann schon, dass du was anderes gewohnt bist, oder?

Sina: Ja, auf jeden Fall.

Da merke ich, dass ich irgendwie doch, also ich will jetzt auch nicht mal sagen, dass es unbedingt deutsch wäre oder so, aber da bin ich einfach anders aufgewachsen und sozialisiert, dass es völlig normal oder okay ist, wenn du Emotionen zeigst und dass du dich dafür nicht schämen oder verstecken musst. Da bin ich dann doch eher irgendwie Kartoffel.

Gunda: Wir hatten vorab schon mal das Stichwort Identitätskrise. Zwischen zwei Welten aufzuwachsen bzw. mit zwei Nationalitäten, ist ja nicht so leicht. Zum einen, wo fühlt man sich mehr zu Hause oder mehr zugehörig und zum anderen hat man ja auch ziemlich viel mit Vorurteilen zu kämpfen, je nachdem in welchem Land man ist.

Wie ist das denn bei dir so? Was begegnet dir am meisten und wie gehst du damit um normalerweise?

Sina: Also das war als Kind oder Jugendliche schon ein bisschen mehr in Deutschland, das mal so Kommentare kamen wie von wegen, ich würde nur Reis essen oder irgend sowas – also so ganz platte Sachen. Sowas hat mich jetzt nicht wirklich tangiert. Mittlerweile ist es auch nicht mehr so, ich habe eher das Gefühl, dass die Leute es mittlerweile vielmehr tolerieren oder auch interessant finden.

Klar, in Deutschland wird man immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Wo kommst du her?“ oder „Wo kommst Du wirklich her?“ Das ist ein bisschen nervig, wenn ich jetzt nicht gerade in der Stimmung bin, darüber zu reden. Wenn zwischen Tür und Angel jemand sagt „Wo kommst du denn wirklich her?“ wird einem das Gefühl gegeben, dass man nicht von hier ist. Oder dieses „Du kannst aber gut Deutsch“ Ich glaube, das haben alle, die irgendwelche ausländischen Wurzeln haben, schon mal erlebt.

Das ist nervig, aber im Prinzip hake ich das dann ab und denk mir, die Person, die die Frage stellt, hat dann irgendwelche Probleme mit sich selber oder so. Da habe ich jetzt nicht mehr so das Problem damit.

Was mich in Indonesien manchmal stört ist, dass ich, weil ich einfach größer bin als sie, als Bule auffalle. Und dann wird immer gleich davon ausgegangen, dass wir viel mehr Geld haben und so. Das können bestimmt auch alle nachvollziehen, die in Indonesien leben. Das ist schon manchmal ein bisschen anstrengend, gerade wenn’s irgendwie auf den Markt geht zum Einkaufen und du weißt, dass sie jetzt gerade viel mehr Geld haben wollen als sonst. Und im Endeffekt lebst du halt dort und bekommst vielleicht auch noch indonesisches Gehalt.

Es ist schon manchmal ein bisschen blöd, weil es mir wieder so das Gefühl gibt, irgendwie gehöre ich da auch nicht so richtig hin.

Und ja, bevor ich Kinder hatte, wollten die Leute auch immer ein Foto mit mir machen. Am Anfang fand ich das ganz lustig und irgendwann hat mich das aber auch genervt. Irgendwie möchte ich auch nicht immer so auffallen wie ein bunter Hund, sondern einfach dazugehören.

Ich meine, ich habe das niemanden persönlich oder böse genommen, auch wenn man immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, wie „Wo kommst du her? Wie lange bist du schon in Indonesien? Oh, du kannst aber gut indonesisch.“

Ich weiß, dass die Leute das nur aus Interesse machen und dass sie sich freuen, wenn sie jemanden sehen, der aus dem Ausland kommt. Aber wenn man versucht, irgendwo zu Hause zu sein, dann ist das manchmal schwer, immer wieder daran erinnert zu werden, dass es eigentlich nicht so ist.

Da muss ich insgesamt sagen, dass ich in Deutschland schon mehr das Gefühl habe, einfach als Person von hier betrachtet zu werden, wie eine Einheimische. Einfach weil man nicht so sehr raussticht. Gerade in der heutigen Zeit ist es nicht direkt eindeutig, wenn man mich sieht. In Indonesien fällt man schon einfach immer auf.

Gunda: Stimmt schon, es ist ein Unterschied zu Deutschland, wo die Kulturen mittlerweile vermischter sind, finde ich, und man da so ein bisschen untertauchen kann. Natürlich war es auch noch anders, als wir kleiner waren.

Wie gehst du normalerweise damit um, wenn du immer wieder damit konfrontiert wirst, dass du anders bist?

Sina: Ja, also das ist dann wieder der Vorteil von dem Javanischen, das kann das einfach so weglächeln kann. Das machen die ja ganz viel, dass sie das weglächeln und dann ist es erledigt. Da gibt’s halt eine kurze Antwort und dann ist es in Ordnung. Auch wenn ich mich manchmal aufrege, wenn ich irgendwie was möchte und sie es weglächeln. Das nervt natürlich manchmal, wenn man irgendwie was erledigt bekommen haben möchte, aber manchmal ist es dann auch ganz praktisch.

Das war auch so nach der Geburt von meinem Sohn. Da habe ich von Hinz und Kunz und allen Nachbarn immer irgendwelche ungefragten Tipps bekommen, wie ich was zu tun habe. Und da kannst du dann einfach lächeln und nicken und dann machst du es einfach so, wie du möchtest.

Manchmal ist das auch ganz praktisch.

Gunda: Da kann man den Vorteil wieder draus ziehen.

Sina: Ja, schon. Das hatte auch Katha schon gesagt. Also ich ziehe zwar ungern diese Bule-Karte, aber manchmal denke ich mir, okay, ich habe so viele Nachteile von dieser Sonderbehandlung, dass ich es manchmal auch in Ordnung finde, das irgendwie zu meinem Vorteil zu nutzen. Wenn sie mich eh schon als jemand anderes sehen, dann ist das auch in Ordnung.

Gunda: Ja, ich denke, es kommt immer drauf an, für was man das macht.

Wo fühlst du dich denn mehr zu Hause – wenn man das überhaupt so sagen kann? Wo fühlst du dich mehr zugehörig oder kommt das ganz auf spezielle Sachen an?

Sina: Mittlerweile muss ich sagen, dass ich mich in Deutschland wohler und irgendwie zugehöriger fühle. Einfach weil ich nicht immer wieder damit konfrontiert oder daran erinnert werde, dass ich woanders herkomme, sondern die Leute hier einfach davon ausgehen, dass ich von hier bin.

Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass ich hier genau weiß, wie alles abläuft. Ich weiß, wenn ich irgendwas suche, wie jetzt eine Schraube oder irgendein Werkzeug, wo ich das herbekomme und wo ich hingehen muss. Ich weiß, wie ich es rausfinden kann und ich glaube, das ist das, was mich in Indonesien mit am meisten stört. Dass ich so extrem abhängig bin und immer jemanden fragen muss. Ich bin hier viel unabhängiger und ich glaube, das ist auch das, was mir ein Heimatgefühl gibt, dass ich einfach weiß, wie hier alles funktioniert – Behördengänge und auch ganz banale Sachen.

Deswegen muss ich mittlerweile schon sagen, dass ich mich eigentlich deutscher fühle als indonesisch.

Gunda: Ja, ich kann das nachvollziehen.

Du hast auch vorhin schon das Stichwort Behördengänge gesagt – ein ganz gefährliches Thema. Da braucht man wirklich viel Geduld und Ausdauer und muss sich auf einiges gefasst machen, denke ich.

Sina: Ja, da braucht man echt Nerven manchmal, vor allem wenn man wirklich darauf angewiesen ist. Als ich zum Beispiel den deutschen Pass meines Sohnes beantragen wollte, mussten wir natürlich vorher einige indonesische Dokumente beschaffen. Und wir hatten dann echt Zeitdruck, weil wir den Flug nach Deutschland schon gebucht hatten. Dann war es aber so, dass derjenige, der dafür zuständig war, entweder nicht da war, Pause hatte oder beim Beten war. Dann stehst du da und denkst dir nur so: Das kann jetzt nicht euer Ernst sein?

Teilweise haben wir Termine bekommen. Dann war ich an dem Termin um die Uhrzeit da und dann hieß es: ja, der ist jetzt gerade beten. Okay, ihr betet doch immer um dieselbe Uhrzeit, warum vergebt ihr überhaupt einen Termin, wenn klar ist, dass da gerade gebetet wird?

Das sind so Sachen, da braucht man echt Geduld und das ist manchmal ein bisschen schwierig.

Gunda: Ja, da ist die Ordnung aus Deutschland schon ein bisschen was anderes, gell?

Sina: Ja, ich merke auch, dass ich das richtig schön finde, dass man sich hier in Deutschland schon drauf verlassen kann, das es funktioniert. Oder das mit den Fristen, dass Fristen eingehalten werden und dass man vorher weiß, okay, das dauert jetzt eine Woche und das ist dann auch wirklich nur eine Woche und kommt eben nicht auf die Person an, die irgendwie gerade Lust und Laune hat oder eben nicht.

Gunda: Ja, du hast leider recht. Es ist wirklich manchmal so.

Du hast vorhin schon erwähnt , dass du Mama von zwei Söhnen bist. Außerdem hast du einen indonesischen Ehemann – da haben wir noch nicht drüber gesprochen. Was für ein Zufall!

Sina: Ja, irgendwie back to the roots!

Gunda: Wo habt ihr euch denn kennengelernt?

Sina: Ich habe durch vielen Besuche in Indonesien schon einige Freunde kennengelernt und auch durch meinen Vater und seine Frau. Sie haben eine ziemlich große Community vor Ort in Indonesien. Da gibt’s auch einige indonesisch-holländisch gemischte Kinder und über die wiederum habe ich dann wieder andere Leute kennengelernt. Mein Mann und ich haben gemeinsame Freunde und so haben sich dann unsere Wege irgendwann überkreuzt, als wir zusammen auf einem Konzert waren.

Ich habe nämlich noch ein Jahr in Indonesien studiert. Ich habe, nachdem ich in meinen Semesterferien immer dorthin gereist bin, nach einem Weg gesucht, wie ich länger dort bleiben kann, weil ich unbedingt mal dort leben wollte.

Ich habe mich dann dort auf ein Stipendium beworben, was auch Katha gemacht hatte aus der vorigen Folge. Und so habe ich in einem Jahr dort an der Uni die Sprache gelernt und in dem Jahr meinen Mann kennengelernt. Ich bin dann gleich dort geblieben. Es war eigentlich schon vorher klar, dass ich länger bleiben werde als nur ein Jahr, aber dass es dann direkt passiert und ich dort bleibe, das war ungeplant. Aber es kommt ja doch immer alles anders, als man denkt.

Gunda: Ja, sehr häufig im Leben. Wichtig ist, dass man immer offen dafür ist!

Euer erstes Kind, das kam ja 2018, vor drei Jahren in Indonesien zur Welt. Wie war da die Erfahrung für dich?

Sina: Ja, insgesamt war das nicht so toll für mich. Ich finde, es war noch sehr rückschrittlich und sehr konservativ, wenn man so möchte. Ich war vorher für die Untersuchung auch immer in dieser Klinik und da hatte ich immer ein ganz gutes Gefühl. Die Ärztin war ganz nett und kam mir sehr kompetent vor, aber bei der Entbindung selbst war dann vieles anders, als ich vorher extra gefragt hatte. Vieles wurde sehr anders gemacht und gehandhabt und insgesamt war es einfach nicht so eine schöne Atmosphäre. Mir wurde eher vermittelt so in die Richtung: Stell dich nicht so an, Frauen kriegen halt Kinder, also kriege jetzt dein Kind und dann raus hier. Das ist natürlich nicht so schön, vor allem wenn man das Gefühl bekommt, man übertreibt gerade oder man soll sich nicht so anstellen, weil Frauen eben Kinder bekommen.

Das war beim zweiten Kind anders. Ich bin jetzt für die Geburt des zweiten Kindes nach Deutschland gekommen, weil ich oder weil wir beide gesagt haben, das muss nicht noch mal so sein wie in Indonesien. In Deutschland die Geburt war ganz anders, das komplette Gegenteil. Es war total schön.

Ich meine, das hängt auch immer davon ab, wo man ist und ob man Glück oder Pech hat. Bei mir waren in Indonesien leider die Hebammen völlig daneben. Aber im Endeffekt ist alles gut gegangen und ich würde auch nicht generell sagen, macht das nicht oder so, aber ich hatte dort eine nicht so gute Erfahrung, dass ich gesagt habe, ich möchte das nicht nochmal.

Was im Krankenhaus dazu kam, war, dass dann die komplette Großfamilie, nicht meine Großfamilie, sondern die meines Mannes und sämtliche Nachbarn direkt am zweiten Tag auf der Matte standen und Baby gucken und anfassen wollten. Gerade beim ersten Kind ist man ein bisschen empfindlicher und die Tage nach der Geburt ist man auch einfach fertig, man gewöhnt sich daran und die Hormone spielen verrückt. Da war das einfach nicht cool, dass da ständig Leute auf der Matte standen, die alle das Baby anfassen wollten.

Ist dieses Mal zum Glück anders gewesen. Es wäre wahrscheinlich auch wegen der momentanen Situation nicht der Fall gewesen, aber ich habe es genossen, selbst zu entscheiden, wen ich einladen möchte und zu sagen, okay, ich nehme jetzt erstmal Zeit als Familie und möchte mich ausruhen. Auch mit dem Großen, dass er den Kleinen kennenlernt und so weiter. Damit ich nicht noch Gastgeberin für 30 Leute sein muss, die ich vorher noch nie gesehen habe, die das aber cool finden, dass jetzt irgendein Bule ein Baby bekommen hat.

Das war schon eine schönere Erfahrung hier, da auch viel mehr Rücksicht genommen wird auf die Familie oder auf die Mama und das Baby.

Gunda: Ja, das ist schon eine andere Mentalität , das merkt man schon.

Sina: Ich habe auch das Gefühl, dort ist es wichtiger, dass alle das Baby kennenlernen. Er wurde auch ständig geweckt von allen, wo ich auch dachte, er unterhält sich noch nicht mit euch, also ist das doch eigentlich egal, ob er wach ist oder nicht. Ich war sogar froh, wenn er mal geschlafen hat, da sie ihn ständig aufgeweckt haben. Das fand ich irgendwie auch nicht toll.

Gunda: Ja, das ist verständlich.

Du hast mir vorab schon von einer besonderen Zeremonie erzählt?

Sina: Genau ja, das fand ich ganz cool. Als ich sechs Monate schwanger war, gab es eine Zeremonie. Mir wurde vorher nur gesagt, dass es eine Zeremonie gibt, aber nicht wirklich was ich zu erwarten habe. Ich glaube, dass mein Mann auch nicht wirklich wusste, was da passiert. Wir wussten einfach nur, dass an dem Tag irgendwas passieren wird, aber was jetzt wirklich da gemacht wird, war nicht so ganz klar.

Plötzlich sind so 15 Leute bei uns zu Hause eingefallen und hatten Tontöpfe dabei. In dem einen Tontopf war ein lebendes Huhn. Sie hatten noch Kokosnüsse dabei, in die solche Wayangs, diese Schattenfiguren reingeritzt oder reingebrannt waren. Dann habe ich gesagt „Was passiert denn mit diesem Huhn?“, aber das konnte mir irgendwie keiner richtig sagen. Das wurde auch nicht geschlachtet oder so, das war einfach nur anwesend in diesem Tontopf. Am Ende haben sie es wieder mitgenommen. Was jetzt wirklich die Funktion dieses Huhns war, ist mir bis heute nicht ganz klar, aber das war ganz lustig.

Dann hatten sie 6 verschiedene Outfits für mich dabei, solche Sarungs und Batik-Tücher. Die werden dann der werdenden Mutter umgehängt und es wird gefragt, in dem Fall war es die Tante meines Mannes, sie fragt die Anwesenden „Ist die Mama jetzt schon hübsch oder noch nicht?“ und dann sagen sie „Ne, noch nicht“ und dann kriegt man was anderes umgelegt. Am Ende beim letzten Outfit sagen sie dann „Ja, das ist jetzt das richtige Outfit!“.

Anschließend werden die werdenden Eltern von den Gästen gewaschen. Sie hatten eine halbe Kokosnuss dabei und haben Wasser genommen mit Blumen darin. Das wird dann den werdenden Eltern übergekippt. Man wird von allen Beteiligten, das war die engere Familie und teilweise Freunde von mir, symbolisch gewaschen. Das fand ich eigentlich ganz schön, vor allem, weil ich vorher überhaupt nicht wusste, was mich erwartet. Es war ganz interessant, sowas mitzumachen. Das gab es beim zweiten natürlich nicht.

Nach der Geburt gab es noch etwas. Das war, glaube ich, 40 Tage später. Da wurde eine Haarsträhne abgeschnitten von meinem Sohn. Sie wollten ihn erst komplett rasieren, da war ich aber dagegen, denn er hatte schon so schöne lange Haare. Ich weiß nicht, ob das überall in Indonesien gemacht wird. Aber bei uns werden Kinder nach der Geburt irgendwann rasiert. Das ist quasi, um sie zu säubern und sie sagen, dass die Haare dann stärker nachwachsen. Ich hatte mich sehr strikt dagegen gewehrt, denn er hatte so schöne Haare. Somit haben wir uns darauf geeinigt, dass eine Haarsträhne abgeschnitten wird.

Diese wurde, glaube ich, gewogen und dann wurde Geld gespendet an ein Waisenhaus,. Ich weiß jetzt auch nicht genau, wie das zusammen hängt. Aber bei vielen Zeremonien weißt du ja gar nicht genau, was gerade los ist. Du bist einfach anwesend und lässt es passieren, aber du weißt nicht genau, warum irgendwas gemacht wird. Damals wurde auch Essen an die ganzen Nachbarn verteilt, so wie es ja häufig gemacht wird.

Gunda: Spannend, total interessant, was es für Sachen gibt!

Ja, Sina, ich sehe gerade, wir sind eigentlich schon am Ende unserer Folge angelangt.

Wie sieht’s denn mit euren Zukunftsplänen für die nächste Zeit aus? Aktuell seid ihr ja in Deutschland, aber ihr werdet wahrscheinlich demnächst wieder zurückgehen oder wie ist das Ganze geplant?

Sina: Also unsere Pläne haben sich – wahrscheinlich wie bei vielen Menschen auch – noch mal geändert aufgrund der aktuellen Situation. Wir hatten eigentlich vor, dass unsere Kinder in die Grundschule in Indonesien gehen und dass wir danach nach Deutschland gehen. Das hat sich jetzt alles ein bisschen nach vorne verschoben aus diversen Gründen.

Eigentlich war der Plan, dass wir im Oktober zusammen zurückfliegen. Allerdings wollen wir ehrlich gesagt nicht so gerne mit zwei Kindern 8 Tage im Hotelzimmer in Quarantäne. Uns ist auch nicht so wohl bei dem Gedanken, dass wir zu dieser Zeit zurückkehren. Mein älterer Sohn hat jetzt ein Kindergartenplatz hier bekommen und wir möchten versuchen, dass mein Mann auch hier bleiben kann.

Es hat sich also in letzter Zeit einiges geändert und wir wollen eigentlich erstmal hier bleiben und schauen, wann die Situation wieder entspannter ist, dass wir zurückkehren. Aber auf lange Sicht wollen wir uns wieder Richtung Europa bzw. Deutschland orientieren.

Ich möchte auch unbedingt wieder arbeiten und in Indonesien ist es schwierig – vor allem offiziell – irgendwas zu machen, was sich nicht in einem Graubereich abspielt. Vor allem fehlt es mir, zur Arbeit irgendwohin zu gehen, mit Kolleginnen und Kollegen. Das ist als Ausländer in Indonesien wahnsinnig schwierig.

Genau deswegen orientieren wir uns erstmal wieder Richtung Europa und Deutschland. Ich muss auch sagen, dass mir in den letzten Jahren, als ich in Indonesien gewohnt habe, meine Familie total gefehlt hat und meine Freunde auch. Ich habe zwar auch total liebe Freunde in Indonesien, aber ich finde, da ist der Wechsel immer ziemlich stark. Viele Leute ziehen weiter oder weg und es ist nicht so beständig. Das schätze ich schon sehr hier.

Wir sind jetzt gerade in der Nähe von dem Ort, wo ich aufgewachsen bin und da sind einfach wahnsinnig viele Leute von früher. Viele sind auch wieder hierhergekommen oder kommen langsam wieder zurück. Das genieße ich, dass man irgendwie noch seine Freunde von früher hat und nicht nur Leute, die jetzt dieselbe Situation teilen. Sondern dass man Leute hat, mit denen man schon viel erlebt hat und die man von früher kennt.

Das mit der Familie als Unterstützung mit den Kindern ist auch was, das ich vorher nicht gedacht habe. Es ist extrem hilfreich.

Das ist eben der Fluch und Segen zugleich, wenn man zwei Heimaten hat oder zwei Zuhause, vor allem, wenn sie so weit auseinander liegen, dass man eins immer vermisst, irgendwie.

Gunda: Ja, das stimmt, und beide Länder haben jeweils positives und negatives.

Das wäre schön, wenn man das zusammen haben könnte.

Sina: Auf jeden Fall.

Für mich persönlich war es total wichtig, mal eine Weile dort zu leben, einfach um meine Identitätskrise ein bisschen zu lösen und die Wurzeln besser kennenzulernen. Auch um mir im Klaren darüber zu sein, was ich möchte, wo ich sein möchte und wie ich bin. Wo meine Eigenschaften vielleicht herkommen und so. Ja, das alles hat irgendwie dann doch ergeben, dass ich mich in Deutschland insgesamt ein bisschen wohler fühle.

Indonesien hat einen speziellen Platz in meinem Herzen und ich möchte auch weiterhin dorthin – allein schon wegen der Kinder und natürlich meinem Mann. Wir wollen weiterhin so oft es geht rüber fliegen und das ist zum Beispiel für uns auch viel einfacher, wenn wir hier arbeiten und leben und dann mal einen Monat oder so rüber fliegen als andersrum. Mit zwei Kindern, wenn sie dann ein Ticket brauchen, ist es schon echt schwierig.

Und die Schule ist in Deutschland kostenlos. Das ist etwas, das ich natürlich jetzt erst zu schätzen weiß, worüber ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe. Aber wenn es dann relevant wird, ist es natürlich schon wichtig.

Gunda: Ja, verständlich.

Ich denke, wenn man alleine ist, ist das nochmal irgendwie leichter und einfacher, aber wenn dann Kinder mit im Spiel sind, dann denkt man über viele Dinge anders nach.

Sina: Ja, auf jeden Fall.

Ich muss auch zum Gesundheitssystem sagen, dass ich selber schon so viele unschöne Erlebnisse und Erfahrung machen musste in Indonesien. Ich hatte einmal einen Rollerunfall, dann hatte ich Dengue und Typhus und hab das alles mitgenommen irgendwie. Insgesamt waren die Erfahrungen immer nicht so toll und ich glaube, wenn was mit den Kindern wäre, dann möchte ich ihnen schon die bestmögliche medizinische Versorgung bieten können. Das ist hier auch einfach besser.

Gunda: Wir haben es ja vorhin schon gehabt über die positiven und negativen Dinge, die es in den Ländern jeweils gibt – wie ist es denn für dich persönlich, was fehlt dir denn aus Deutschland, wenn du in Indonesien bist und umgekehrt? Was fehlt dir denn am meisten aus Indonesien, wenn du in Deutschland bist?

Sina: Wenn ich in Indonesien bin, vermisse ich am meisten natürlich Familie und Freunde, aber auch vom Land her, da vermisse ich die Einkaufsmöglichkeiten. Hier geht man in einen Supermarkt und da gibt es alles.

Was ich auch vermisse ist, das kommt natürlich auch immer drauf an, wo man lebt, aber bei uns Yogyakarta kann man nirgendwo wirklich zu Fuß hinlaufen oder mit dem Fahrrad fahren. Dort kann man immer nur mit dem Roller oder mit dem Auto fahren.

Dann ist es die meiste Zeit des Tages auch viel zu heiß, um draußen zu sein und eigentlich gehe ich wahnsinnig gerne spazieren, in den Park oder mit den Kindern auf den Spielplatz.

Und andersrum, wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich zum Beispiel, dass in Indonesien auf der Straße immer was los ist. Man findet immer überall was zu essen, das Leben findet viel mehr draußen statt. Das ist hier natürlich im Sommer auch so mit den Biergärten und so, aber insgesamt lebt schon jeder mehr für sich. Das Klima lässt es auch meistens nicht zu und die Leute sind anders drauf. Jeder ist viel mehr in den eigenen vier Wänden und in Indonesien ist man schon mehr zusammen.

Gunda: Ja, das ist wirklich besonderes hier.

Sina, ich danke dir vielmals für dieses Gespräch. Es war super schön und interessant, auch die andere Seite zu hören, da ihr euch jetzt erstmal auf Deutschland konzentriert.

Ich wünsche euch ganz viel Erfolg mit euren Plänen und wenn ihr mal in Indonesien seid, dann sagt auf jeden Fall Bescheid, vielleicht bin ich ja in der Nähe.

Sina: Ja, das wär schön. Ansonsten sind wir ja hier auch relativ in der Nähe, also wenn wir mal in Würzburg bei der Familie sind.

Gunda: Ja, stimmt. Da sind dann die Franken unter sich.

Sina: Ja, genau. Bei mir hört man es nur leider nicht. Ich finde das so schön mit dem R, aber ich kann das gar nicht.

Gunda: Ja, das verrät mich immer und macht es aber auch ganz praktisch im indonesischen.

Sina: Genau, da muss man das R auch rollen.

Gunda: Ja. Sina, ich danke dir für das Gespräch!

Sina: Vielen Dank für die Einladung.

Gunda: Sehr gerne. Ich wünsche euch alles Gute so weit.

Sina: Vielen Dank, dir auch.

Gunda: Danke! Bis zum nächsten Mal.

Sina: Tschüss.

 

Das war Coconut-Talk, dein Podcast über das Leben in Indonesien.

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