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Transkript

uallo und herzlich willkommen bei Coconut-Talk, deinem Podcast über das Leben in Indonesien!

Ich bin deine Gastgeberin Gunda und gemeinsam mit meinen Gästen werden wir die zahlreichen Inseln Indonesiens entdecken.

Freu dich auf spannende, kuriose und manchmal auch kritische Themen.

Viel Spaß beim Zuhören und beim Erkunden des größten Inselreichs der Welt!

Gunda: Selamat Datang und herzlich willkommen zu unserer heutigen Folge von Coconut-Talk. Zu Gast bei mir ist heute die Katha aus Waldkirch, das ist in der Nähe von Freiburg.

Katha lebt seit zwei Jahren fest auf Bali, aktuell in Sanur und wir werden uns heute vor allem über die Liebe unterhalten. Außerdem über balinesischen Hinduismus und all die zahlreichen Traditionen und über bürokratische Hürden von binationalen Paaren. Schauen wir mal, ob wir ein paar Tipps bekommen von der Katha heute.

Liebe Katha, hallo erstmal und schön, dass du da bist!

Katha: Hallo, ja schön, dass du mich eingeladen hast. Ich freue mich wirklich, dabei zu sein.

Gunda: Ja, freut mich auch, dass es geklappt hat!

Magst Du vielleicht erstmal mit eigenen Worten erklären, was genau du in Bali machst?

Katha: Ja gern. Im Moment habe ich ein ganz cooles Feld für mich entdeckt. Vor ungefähr 6 Monaten habe ich angefangen, als virtuelle Assistentin im Bereich Online-Marketing tätig zu sein. Das ist aber nicht alles, was ich mache. Schon länger bin ich auch als Deutsch Tutorin online unterwegs und ganz frisch habe ich angefangen, als Coach für Frauen zu arbeiten, die sich ihr eigenes Online-Business aufbauen möchten und da am Anfang stehen und ein bisschen anschubsen brauchen.

Gunda: Das klingt sehr spannend, interessant.

Wie bist du denn überhaupt dahin gekommen, wo du jetzt bist? Warum bist du in Indonesien gelandet, was hat dich dazu gebracht? Magst du da vielleicht erstmal noch ein bisschen was zu dir erzählen?

Katha: Ja, das ist eine sehr gute Frage.

Das beruht eigentlich alles auf einem Zufall, wenn man das so nennen will. Ich habe 2015 in Deutschland meinen Master gemacht und hatte dann auch eine Trennung hinter mir, die mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte. Ich wusste auf einmal gar nicht mehr, was ich eigentlich machen sollte und wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Und ja, ich war nie so richtig im Ausland nach der Schule oder während der Schule, wie das andere Leute machen. Und da dachte mir eigentlich, wieso nicht? Für zwei oder drei Monate noch ins Ausland, das wäre ja schön, aber ich wollte nicht nur Reisen. Vielleicht war ich nicht mutig genug, das alleine zu machen, weil ich hätte das zu der Zeit alleine machen müssen, da hätte niemand mitkommen können. Und damals habe ich mir gedacht, alleine reisen wäre langweilig. Mittlerweile stehe ich auch anders dazu, aber das war Ende 2015, also auch schon eine Weile her.

Ich habe dann überlegt, sowas wie ein Work and Travel oder sowas zu machen, aber für diese Australien Geschichten war ich damals schon zu alt. Und dann habe mich umgeschaut, was es sonst noch gibt und eine Freundin von mir, die war über ein Projekt einige Zeit in Afrika, ich habe leider das Land vergessen und sie meinte, schau doch mal, ob es lokale Projekte gibt, die du unterstützen kannst. Da gibt es ganz viele auf der ganzen Welt und Websites, die das zusammenfassen.

Dann habe ich einfach mal angefangen, zu googeln und habe mich relativ schnell festgelegt, dass ich irgendwo hin möchte, wo ich in einer Schule unterstützen kann.

Ich habe in Deutschland als Heilpädagogin und Sozialarbeiterin auch schon in Schulen gearbeitet. Das ist mehr so das, was mir liegt. Die andere Sache, was es halt oft gibt, ist Umweltschutz. Das finde ich auch interessant, aber das war sehr viel mit körperlicher Arbeit verbunden und ich bin ziemlich faul, das gebe ich hier ganz offen zu.

Und dann gab es eigentlich meistens die Auswahl, entweder Spanisch oder Englisch zu unterrichten. Da dachte ich mir: Englisch, das kann ich gut, das spreche ich fließend. Ich habe Familie in den USA, das läuft besser als Spanisch. Schließlich habe ich über eine Webseite zwei verschiedene lokale Projekte gefunden, die sowas anbieten.

Leute kommen als Freiwillige dorthin, zahlen natürlich einen Beitrag, um das Ganze auch vor Ort zu finanzieren, damit die Mitarbeiter, die das betreuen, auch etwas zu essen haben. Und so gab es zwei in der näheren Auswahl, eins war auf Fidschi und eins war auf Bali.

Ich hatte vorher beides nicht als Urlaubsziel im Blick, das kam einfach über die Website und ich dachte, das hört sich ja eigentlich ganz geil an.

Ich hatte keine Ahnung von beidem, weder von Bali, noch von Fidschi, ich dachte aber: tropische Insel klingt gut. Letztlich ausschlaggebend war, dass das Flugticket nach Bali sehr viel günstiger war als nach Fidschi. Fidschi ist, glaube ich, nicht so eine Reisedestination wie Bali und das ist einfach sehr viel teurer, dorthin zu reisen.

Nach Bali gibt’s ja in der Regel auch ganz gute Angebote, das ist nicht so teuer.

Mit den Flügen ist es also Bali geworden, aber das war wirklich ein reiner Zufall. Dort gab es dann auch wieder einen Zufall – also wo der Zufall mich hinbringt!

Da gabs zwei Standorte von diesem Projekt, einer in Ubud und einer in Klungkung. Da habe ich mir dann einfach die Beschreibung der beiden Standorte durchgelesen und da kam schon ziemlich raus, dass Ubud eher touristisch ist und Klungkung eher abgeschieden liegt. Da gibt’s nicht so viel und vor allem keine Ausländer, deshalb dachte ich: Ja, da gehe ich hin! Weil ich wollte ja auch Kultur erleben und was vom Land und von den Leuten sehen und nicht in einer Touristenhochburg sitzen.

Ich hatte wirklich keine Ahnung von Bali, es war nie so, dass ich gesagt habe, ich muss da unbedingt mal hin.

So habe ich das dann gebucht und es ging im Januar 2016 los. Das war wirklich richtig cool, ich hatte mich zwar ein bisschen vorbereitet und Reiseführer gekauft und so zwei, drei Dokumentationen auf YouTube über Bali gesehen, aber letztlich hat mich das jetzt nicht vorbereitet auf das, was ich dann hier erlebt habe. Ich habe mir einfach keine großen Vorstellungen gemacht und ich glaube, das war richtig gut so, ansonsten wäre ich vielleicht überfordert gewesen. Ich bin einfach hin, um aus Deutschland weg zu sein.

Ich fand das schon richtig genial, als ich gelandet bin und aus dem Flugzeug gestiegen bin. Das klingt vielleicht total krass, aber ich hatte irgendwie das Gefühl: ich bin hier zu Hause. Ich habe mich gleich so mega wohl gefühlt, schon im Flughafen ging das los. Ich war einfach nur glücklich und ich war davor in Deutschland sehr unglücklich. Es war auch ein bisschen so diese klassische Heartbreak-Story in Deutschland, so ungefähr: du gehst nach Bali und findest dich selber. Das ist schon mega das Klischee. Manchmal trifft das aber auch zu.

Ich hatte dann eine sehr schöne Zeit in diesem Projekt. Ich habe in einer Highschool mit einer Lehrerin gemeinsam unterrichtet und am Nachmittag hat es immer ein Programm für die Kinder von der Grundschule gegeben, was lockerer war ohne striktes Unterrichtsprotokoll. Mehr in Richtung Fun Classes mit Freiwilligen, damit die Kids auch mal eine andere Perspektive bekommen. Und auch anderes Englisch, das von der Aussprache her anders klingt als das der Balinesen oder Indonesier. Außerdem stand der kulturelle Austausch im Mittelpunkt.

Ich war in der einen Grundschule und meine mit-freiwilligen Kollegin die war in der anderen Grundschule und mein jetziger Mann war der Lehrer in dieser anderen Grundschule. Ich war nicht mit ihm in einem Unterricht, aber er hat natürlich an dem gleichen Projekt mitgearbeitet und so haben wir uns kennengelernt.

Ich kam ja jetzt nicht mit dem Plan, mich zu verlieben. Ich wollte erst ein bisschen Abstand von dem ganzen Mist, aber das hat nicht funktioniert, ganz im Gegenteil.

Ja und damals kannte ich ihn ja noch nicht, aber mein jetziger Mann hat meine Kollegin immer abgeholt am Nachmittag zu dieser Fun Class für die Grundschule und ich habe ihn nur kurz gesehen auf dem Roller. wie er sie abholt.

Ich dachte mir: Wer ist denn das? Irgendwie ist er interessant, aber ich weiß gar nicht, wer das ist. Am nächsten Tag hatte ich einfach gefragt: Du, sag mal, wer ist das eigentlich, der dich da abholt am Nachmittag? Ja, das ist der Englischlehrer von meiner Grundschule der ist total nett! War die Antwort.

Ja, dann haben wir glücklicherweise in paar Mal was zusammen gemacht. Es waren verschiedene Aktionen in diesem Projekt mit enthalten für uns Freiwillige, also eigentlich ziemlich viel Rahmenprogramm, wie eine Cooking Class, eine Culture Class, Trekking, auch haben wir im Reisfeld Müll aufgesammelt. Ja, körperliche Aktivität mit Umweltschutz war dann doch dabei, aber mit dem schönen Wetter lasse ich mir das dann gerne gefallen.

Ja, so haben wir uns dann kennengelernt und ich fand ihn super interessant, aber es war auch irgendwie so: Du kannst dich jetzt nicht in einen Balinesen verlieben und überhaupt, das ist viel zu weit weg und wie soll das funktionieren und kultureller Unterschied und das geht ja alles gar nicht!

Ja, wir haben dann trotzdem irgendwie angefangen zu schreiben. Ich habe mir seine Handynummer organisiert bzw. im Projekt hatten wir die Handynummern einfach untereinander ausgetauscht für den Fall, dass wir mal Probleme haben sollten. Außerdem hatten wir viele Touren auf der Insel gemacht. Und so hatte ich seine Handynummer und habe ihn dann irgendwann unter einem Vorwand einfach angeschrieben.

Er hat sofort zurückgeschrieben und das fand ich ganz cool und so haben wir uns dann irgendwie Ewigkeiten immer hin und her getextet, teilweise bis spät in die Nacht.

Und ich dachte mir so: Ja, was ist das denn hier, also das das gibt’s ja nicht! Und ich war dann aber auch nicht sicher, weil wir beide zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr irgendwie super jung waren. Die meisten in dem Projekt waren vielleicht um die 19/20. Ich war zu dem Zeitpunkt um die 29 und ich wusste nicht genau, wie alt er war, aber ich dachte, schon so ungefähr mein Alter. Normalerweise sind Indonesier zu diesem Zeitpunkt schon längst verheiratet und haben Familie und Kinder. Ich dachte, na, ich muss das jetzt langsam abchecken, ich kann jetzt hier nicht einem verheirateten Mann die ganze Zeit schreiben. Das wäre dann bei mir auch nicht drin. Und so habe ich einen anderen aus dem Projekt gefragt, der mir sehr zuverlässig erschien, ohne, dass er das viel rumerzählt.

Ich habe ihn per Textnachricht gefragt, ob er verheiratet ist. Der andere hat mir zurückgeschrieben: Ne, der ist nicht verheiratet. Aber was ist denn da bei euch, ist das jetzt Liebe oder was ist das? Und dann hat er mir schon ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, wenn du ihn liebst, dann kannst du ihm das sagen und dann kannst du ihn heiraten und dann musst du aber hier balinesische Ehefrau werden und so weiter. Das hat er mir direkt in die Textmessage geschrieben und hat mir auch zu verstehen gegeben, dass das hier auf Bali eine einmalige Kultur ist, die bedroht ist und geschützt werden sollte. So ungefähr, wenn ich hier irgendwas anfangen will, dann muss ich diesen Regeln 100% folgen. Unter anderem, dass die Frau ins Familienhaus des Mannes zieht, mit seinen Eltern und Geschwistern und wer da noch alles wohnt. Dazu kommen dreimal am Tag Opfergaben und verschiedene Aufgaben. Das hatte er mir knallhart in die WhatsApp geschrieben und ich war so: Nein, danke, geht ja mal gar nicht!

Ich dachte dann, okay gut, das muss ich vergessen, weil das ist völlig utopisch. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und in Deutschland sozialisiert. Ich bin einfach sehr individuell. Ich kann hier nicht irgendwelchen Traditionen folgen, das geht nicht und überhaupt, was ist das für eine Sache?

Ich habe dann versucht, es zu lassen und ihm nicht zu schreiben. An diesem Abend, an dem der andere mir das zu verstehen gegeben hat, habe ich einen Entschluss gefasst, mich emotional fernzuhalten und nicht mehr weiter reinzusteigern.

Letztendlich habe ich dann die ganze Nacht so krass geheult, wie selten in meinem Leben und ich dachte mir: Was ist das denn, warum macht mich das so fertig? Warum ist das jetzt so schlimm? Ich war mir sicher, das kann niemals etwas werden mit uns, weil das ist doch eh alles verrückt.

Nicht mehr zu schreiben, hat dann genau einen Tag funktioniert.

Dann habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe ihm trotzdem wieder geschrieben und das Ende der Geschichte war, dass wir dann irgendwann mal zusammen essen gegangen sind, zu einer Art Date. Ich habe ihn dann vorsichtig gefragt, wie das denn ist mit den Paaren so heutzutage, ich habe ja gehört die Frau muss beim Mann mit einziehen und so. Und mein jetziger Mann meinte damals so: nee, nee, das ist so traditionell zwar so, aber heutzutage, wenn das Paar sich das leisten kann und sie Geld haben, dann können sich auch ein eigenes Haus mieten oder kaufen oder bauen oder so, das ist nicht mehr so streng.

Da habe ich dann das erste Mal mitbekommen, dass es doch auch hier unter den Balinesen große Unterschiede gibt, zwischen den konservativen traditionellen Familien, die einfach ganz anders an die Sache rangehen als weltoffene und tolerante Familien. Da gibt es einen großen Unterschied.

Zu meinem großen Glück kommt mein Mann aus einer sehr offenen und sehr toleranten Familie.

Als ich dann wieder nach Hause geflogen bin von meinem ersten Aufenthalt hier, habe ich zu ihm gesagt, dass ich Gefühle für ihn habe: Er hat das auch erwidert. Er sagte, wegen ihm können wir gern ein Paar sein, aber ich sagte: nee, nee, lass mal, ich weiß nicht, wenn ich zurück in Deutschland bin in meinem normalen Leben, dann kann ich dir nicht garantieren, dass diese Gefühle so bleiben. Im Urlaub ist zwar alles so easy und man verliebt sich leicht, aber zurück im alten Leben ist dann doch nicht mehr alles so, wie es war.

Wir haben dann aber, als ich zurück in Deutschland war, trotzdem jeden Tag telefoniert. Damals gab es zum Glück schon WhatsApp Call, aber noch nicht mit Video.

Nach eineinhalb Monaten oder schon früher habe ich beschlossen, ich muss wieder zurück. Zum Glück ließ sich das damals Jobmäßig vereinbaren.

Und so habe ich mir anderthalb Monate später wieder ein Flugticket nach Bali geholt, da ich abchecken wollte, was das jetzt ist.

Zwei Monate später stand ich dann wieder hier und seitdem sind wir unzertrennlich.

Wir hatten 3 Jahre Fernbeziehung, das war alles andere als einfach. Vor zwei Jahren konnte ich dann endlich nach einem Jahr Vorbereitungszeit dauerhaft nach Bali ziehen.

Deswegen bin ich hier – das ist die Kurzfassung.

Gunda: Wunderschön! Ich muss zugeben, ich hatte das erste Mal, als du mir die Geschichte erzählt hattest, mehr als einmal Gänsehaut. Es ist so eine wunderschöne Liebesgeschichte. Und ich kann das nachvollziehen: Am Anfang denkt man sich so: das ist doch verrückt, Indonesien ist so weit weg und so ganz anders, als wie wir das kennen! Aber ja, wenn es dann Liebe ist, dann ist es Liebe, gell, also das kann man dann auch nicht leugnen, denke ich.

Wie war das für dich, wann wusstest du denn, dass es was Ernstes ist? War das nach dem zweiten Mal, wo Du dort warst?

Katha: Ich würde sagen, spätestens am zweiten Tag des zweiten Besuchs oder eben das erste Mal bei ihm. Ich bin gar nicht so sicher, ob es einen Zeitpunkt gab, wo mir das klar war, aber es war schon bevor ich nach 2 Monaten hier noch mal hergekommen bin, um ihn zu besuchen. Ich habe auch mit Freunden darüber geredet und mit meinen Eltern und war mir dann vor dem Abflug sehr unsicher und dachte so: na ja gut, ich habe schon alles bezahlt und fliege jetzt auch. Ich hatte zu mir selber gesagt: Ok, ich besuche ihn jetzt einfach und dann schauen wir, was passiert. Der erste Tag gemeinsam war noch etwas seltsam, weil ich auch sagen muss ,wir kannten uns ja gar nicht so richtig gut. Wir hatten zwar sehr, sehr viel telefoniert, aber wirklich Zeit miteinander verbracht haben, wir bis dahin ja kaum. In dem Projekt waren wir fast nie alleine und er war jetzt auch nicht so super outgoing, weil er ja eigentlich Mitarbeiter im Projekt war und ich die Freiwillige, die für Geld hinkommt und das war ein komisches Verhältnis zueinander.

Aber als ich dann das erste Mal dort war und dieses Fremdeln am ersten Tag überstanden war, war es einfach so schön. Mit ihm zusammen sein zu können, mit ihm Zeit verbringen zu können, alleine uns zu unterhalten, Touren zu machen, irgendwo hinzufahren, es war so so so schön. Ab dem Moment stellte ich eigentlich nicht mehr in Frage, ob das was ernstes ist, ob das echte, wahre, tiefe Gefühle sind.

Gunda: Das war dann einfach klar, das spürt man so, gell?

Du hast ja erzählt, er ist Balinese. Mit den vielen Traditionen warst du ja vorab schon gut vorbereitet. Was kann man denn dazu sagen, wie ist es, wenn man in eine balinesische Familie einheiratet? Du hattest vorhin erzählt, sie sind doch sehr tolerant im Gegensatz zu traditionellen Familien, aber ich denke, dennoch kann man die Traditionen und Bräuche, die damit einhergehen, nicht so ganz von der Hand weisen.

Für viele erscheint das auch im ersten Moment ein bisschen überwältigend oder verwirrend. Ich muss zugeben, mir geht’s auch immer noch so, wenn ich nach Bali komme. Die vielen regelmäßigen Opfergaben, an jedem Tag ist irgendwie was anderes oder zumindest scheint es so, als wär jeden Tag irgendwie ein anderer wichtiger Tag, an dem die Familie zusammen kommt oder was organisiert.

Kannst du dich noch an deine ersten Momente erinnern, wo du mit den Traditionen in Berührung gekommen bist oder die ersten Erlebnisse, die ersten Erfahrungen oder auch Dinge, die dich erstaunt haben oder die auch schwierig waren? Oder gern auch Fettnäpfchen, in die du getreten bist? Da gibt’s doch bestimmt auch irgendwas zum Schmunzeln, was du teilen möchtest?

Katha: Ja, wo soll ich da anfangen.

Die ersten Erlebnisse waren gleich im Projekt, weil das sehr auf kulturellen Austausch ausgelegt war. Wir haben gleich zu Beginn diese Culture Class bekommen.

Ich habe bei einer Familie gewohnt, wo ich mein eigenes Zimmer hatte und die Familie hat mich auch überall mit hingenommen, auf alle Zeremonien. Die erste Zeremonie war gleich am dritten Tag, nachdem ich angekommen.

Und ja, es ist überwältigend, es ist viel. Mittlerweile habe ich ein bisschen mehr den Überblick, was wann wie stattfindet, aber ich muss dazu sagen, egal, wo auf Bali du dich aufhältst, wenn du denkst, du hast es verstanden, dann erlebst du irgendwas, was dir zeigt: nee du hast es nicht verstanden. Das geht mir auch immer noch so.

Ich versuche immer, sehr viel nachzufragen und sehr viel die Hintergründe zu verstehen. Das ist einfach so, wie ich bin und da stoße ich ganz oft an meine Grenzen. Entweder die Leute wissen das nicht, also mein Mann weiß es meistens sowieso nicht und dann fragen wir seine Mutter. Die versuchts dann irgendwie zu erklären und das ist aber manchmal sehr schwierig. Ich komme da insofern an meine Grenzen, dass ich sage: ok, manches ist einfach zu akzeptieren und das ist für mich gar nicht mal so einfach, weil ich so ein Mensch bin, der es immer bis in Detail wissen will.

Gunda: Das heißt, sie kriegen das von ihren Eltern oder Großeltern so in die Wiege gelegt und dann wird das akzeptiert und angenommen. Hinterfragen tun wahrscheinlich die wenigsten, gell?

Katha: Ja.

Ich überlege gerade, was mich am meisten erstaunt hat. Ich glaube, das war die erste Hochzeitszeremonie, die ich gesehen habe, die hat mich sehr, sehr erstaunt.

Meistens werden wir eingeladen zur Party, wobei ich sagen muss, dass es keine Party wie in Deutschland ist, sondern es kommen einfach die Leute zum Essen und dann gehen sie wieder. Von der eigentlichen Zeremonie bekommen wir als Gäste meistens nicht so viel mit, weil die morgens oder vormittags oder einem anderen Tag stattfindet.

An dem Tag kommt meist nur die erweiterte Familie, das sind auch sehr viele Menschen, aber es ist halt nicht so wie jetzt in Deutschland, dass z.B. die ganzen Gäste auch zur Zeremonie eingeladen werden.

Als das erste Mal eine Einladung kam, hat es auch gerade gepasst, dass ich hier war.

Damals habe ich noch nicht hier gelebt, also habe ich gefragt, ob es denn möglich ist, dass wir die Zeremonie sehen, weil ich nie zuvor bei einer Hochzeit war. Ich wollte unbedingt diese Zeremonie sehen. Wir waren denn dort auch tatsächlich die einzigen Gäste, die nicht zur Familie gehörten. Das war aber okay, ich meine, die Leute sind eh immer total happy, wenn sie mich als Ausländerin in der traditionellen Kleidung sehen.

Es war dann schon krass irgendwie, weil die Zeremonie ist unglaublich kompliziert, es gibt tausende Schritte und alles dauert auch sehr lange. Gefühlt hat einfach keiner eine Ahnung, was gemacht werden muss und das Brautpaar selber erst recht nicht. Die stehen dann so in der Mitte wie der Ochs vorm Berg und gucken sich immer verwirrt um. Und es kommen immer Leute, die sagen, was gemacht werden muss. Es ist alles so verwirrend. Ich war total geschockt, weil es was ganz anderes ist, als das, was ich mir unter einer Hochzeit vorgestellt habe.

Ich kenne das von Deutschland, da ist es egal, ob das kirchlich oder eine freie Trauung ist, alles ist sehr feierlich und alle sind ergriffen und da fließen Tränen.

Ich muss sagen, dass hier ist meilenweit davon entfernt, es ist eher ein Chaos. Die Gäste sitzen an ihren Tischen und quatschen, essen, spielen mit ihren Handys, die sind überhaupt nicht dabei! Ich war völlig geschockt.

An dem Zeitpunkt stand für mich fest: wenn ich hier jemals heiraten sollte, will ich jeden einzelnen Schritt genau vorher wissen, was ich wann zu tun habe, was es bedeutet. Ja ja, du lachst schon zu Recht. Mittlerweile weiß ich auch, dass das unmöglich und utopisch ist. Dazu muss ich auch sagen, es gibt hier zwei Dinge. Zum einen gibt es diesen balinesischen Hinduismus, das ist eine Sache. Und dann gibt es diese adats, diese Dorfregeln oder Familienregeln und die sind überall anders. Ich würde sie nicht als Religion bezeichnen, sondern das ist Tradition und das vermischt sich natürlich mit der Religion. Es lässt sich nicht komplett trennen, aber nicht alles, was hier passiert, ist Religion. Sehr viel ist Tradition. Ich würde sagen das allermeiste ist Tradition und diese Tradition unterscheidet sich von Dorf zu Dorf, von Region zu Region, von Familie zu Familie. Also teilweise, wenn du hier in einer balinesischen Familie dabei bist und mitbekommen hast, wie es abläuft, kann es sein, dass es in der nächsten Familie schon komplett anders ist. Es gibt vielleicht ein paar Basics, die ähnlich sind und die ähnlich gemacht werden, aber es gibt auch einfach himmelgroße Unterschiede. Egal, wie sehr du drin bist, du kannst es nur für eine Familie, vielleicht irgendwann mal in 200 Jahren verstehen, wenn du Glück hast. Aber das ist gar nicht allumfassend und schon gar nicht für ganz Bali – das ist unmöglich und unglaublich komplex.

Das war das, was mir sehr im Kopf geblieben ist, wo ich dachte, das ist völlig verschieden von dem, was ich so kenne.

Fettnäpfchen – klar! Es gibt total viele Sachen. Das sind eben wieder die Regeln, die hier zu beachten sind. Das Witzige ist aber, alles ist immer so super flexibel. Das ist irgendwie cool, aber auch anstrengend. Es gibt diese Regeln, die sind nicht in Stein gemeißelt, da gibt es immer irgendwie Möglichkeiten, sie zu ändern oder zu umgehen. Häufig wird dann auch gesagt: das und das ist die Regel, aber die Leute halten sich dann teilweise selber nicht so dran. Das ist auch ein bisschen lustig und, sagen wir mal, die Grenzen sind dadurch ein bisschen verschiebbar.

Als ich meinen jetzigen Mann kennengelernt hatte, hat er noch auf sehr viele Sachen im Haus geachtet. Jetzt auch nicht mehr so.

Das erste Fettnäpfchen, in das ich so getreten bin, ist glaube ich folgendes:

Wir saßen alle zusammen und hatten so ein bisschen Knabberzeug auf dem Boden verteilt, Süßigkeiten, Chips-Tüten und so. Wir sitzen immer auf so einer Bambusmatte auf dem Boden und ich wollte irgendwo hingehen, was holen und bin über diese Chips-Tüten, die da am Boden lagen, drüber gesprungen. Dann kam gleich: Du kannst nicht über das Essen steigen mit deinen Füßen, weil die Füße sind ja unrein. Du darfst ja auch nicht deine Füße jemanden entgegenstrecken, wenn du am Boden sitzt und so weiter.

Was ich zu Hause am Anfang auch nicht machen durfte, wir haben damals in einem kleinen Zimmerchen gewohnt, das wir uns gemietet hatten und nach dem Schwimmen am Strand habe ich dann mein Bikini aufgehängt zum Trocknen. Ich wollte den auch nicht raushängen, weil da war jetzt nicht wirklich was draußen. Und Wäsche aufhängen ist echt ein sensibles Thema. Du darfst es nicht irgendwo hinhängen, wo Leute es sehen können, die zu Gast kommen oder wie auch immer und schon gar nicht Hosen oder Unterhosen!

Gunda: Okay, das ist interessant.

Katha: Es gab also nicht wirklich was zum Aufhängen in diesem Zimmer, also habe ich meinen Bikini links und rechts an die Vorhangstange gehängt.

Gunda: Was für uns ja kein Problem wäre.

Katha: Ja genau. Und dann ging es los: Also deine Hose kannst du eigentlich nicht auf Kopfhöhe oder über den Kopf hängen, weil die ist ja dreckig. Also im balinesischen oder ich weiß nicht, ist das indonesisch – auf jeden Fall ist sie die untere Hälfte, alles was unterhalb vom Bauchnabel ist, quasi unrein, die nicht gute Körperhälfte. Alles, was drüber ist, ist gut und heilig. Der Kopf ist das Allerheiligste und da kannst du nicht deine Hose auf Kopf Höhe oder drüber hängen. Dann habe ich so ein bisschen argumentiert und gesagt, okay, ich kann es irgendwo schon verstehen, was damit gemeint ist, aber das ist ja meine Hose und das ist auch mein Kopf. Aber es ging nicht und damals habe ich es dann über den Stuhl gehängt. Mittlerweile aber hängt er selber seine Hosen über die Schranktür und das ist auch über dem Kopf. Er hat es, glaube ich, jetzt einfach so ein bisschen akzeptiert, so in der Art, es ist ja meine Hose und mein Kopf – so schlimm ist das ja nicht.

Was ich bis heute nicht darf und was manchmal ganz schön schwierig ist, ich darf keine Sachen aus dem Badezimmer in die Küche bringen. Das hört sich jetzt gar nicht mal so kompliziert an, aber ich benutze einen Becher als Zahnputzbecher und den möchte ich manchmal ordentlich waschen. Und umgekehrt natürlich auch, ich darf natürlich auch nichts von der Küche ins Bad bringen, das heißt: wie wasche ich meinen Zahnputzbecher?

Gunda: Den musst du dann im Bad waschen?

Katha: Ja und mit einem Schwamm, der dann im Bad bleibt. Er kann ja nicht in die Küche. Weil Bad ist dreckig, da wäscht man seinen Dreck ab, da geht man auf die Toilette und so und in der Küche bereitet man das Essen zu. Mir ist das schon logisch, woher das kommt. Das ist die Toleranzgrenze von meinem Mann, da geht er noch nicht drüber. Ich habe dann auch irgendwann einfach mal heimlich den Zahnputzbecher in der Küche ausgewaschen, weil ich gesagt habe, das ist jetzt irgendwie ein Zahnputzbecher und nicht die Klobürste, soweit war ich dann schon.

Aber normalerweise kommen wir ganz gut zurecht. Wir klären dann die Frage, warum diese Regel oder warum ist dir das wichtig. Wir besprechen das dann einfach und finden meistens irgendeinen Mittelweg. Wenn ich dann sage, gut das ist ja meine Hose und mein Kopf, das kann ich doch selber entscheiden, ob mir das jetzt recht ist oder nicht. Klar, wenn andere Leute kommen, dann kann ich das für die nicht entscheiden. Aber das funktioniert ganz gut, da muss ich auch sagen, mein Mann ist jetzt nicht so ein krasser Sturkopf und ich kann auch ganz gut Kompromisse schließen und normalerweise kommen wir da dann ganz gut zurecht.

Diese Küchen-Bad Geschichte, da habe ich mich jetzt soweit angepasst und mach es dann halt manchmal heimlich Er ist dann auch schon mal über seinen Schatten gesprungen, als wir z.B. einfach kein Wasser mehr in der Küche hatten. Es ist einfach nicht mehr gelaufen aus dem Hahn und das Einzige, was noch ging, war halt im Bad. Da kam es aber auch nicht so wahnsinnig dolle raus. Dann haben wir halt verschiedene Töpfe und Gefäße einfach vollgemacht mit Wasser. Das war erst ein bisschen ein Problem, aber ich habe dann gesagt: Du hältst es einfach nur unter den Wasserhahn, wo das Wasser rauskommt und das Wasser in der Küche und im Bad ist ja wohl mal wirklich das Gleiche. Er ist dann zwar etwas mürrisch gewesen, aber ich glaube, er konnte kein logisches Argument finden, warum das jetzt nicht gehen sollte. Ich durfte dann die Töpfe aus der Küche mit dem Wasser aus dem Bad voll machen.

Gunda: Also das ist wirklich verrückt. Das sind total spannende interessante Geschichten.

Aber gut, wenn man doch ein bisschen flexibel ist und man muss ja auch Kompromisse finden, wenn man so aus unterschiedlichen Kulturen kommt. Da stößt man jeden Tag eigentlich an seine Grenzen.

Katha: Definitiv und ich würde sagen, das ist eigentlich das A und O.

Eine Beziehung funktioniert nur so. Mit einer unterschiedlichen Kultur stößt man halt dann öfter mit der Nase drauf, aber ich sag mal, das ist ja in jeder Beziehung so, dass beide Seiten Kompromisse schließen müssen und über ihren Schatten springen, ansonsten wird es über kurz oder lang aus meiner Sicht nicht gut funktionieren. Bei wenig kulturellen Unterschieden stößt man vielleicht nicht so drauf, aber bei interkulturellen Beziehungen stößt man viel eher drauf. Aber wir werden durch die Sache auch toleranter, denke ich, das ist der Vorteil eigentlich von so einer Beziehung.

Gunda: Definitiv.
Gibt’s denn auch sonst Herausforderungen oder Verpflichtungen, die mit so einer Tradition einherkommen? Der Familienzusammenhalt und die Gemeinschaft sind hier ja wichtig. Wie geht ihr damit um oder wie gehst du damit um? Es ist ja doch sehr anders als, sage ich mal, in Deutschland, wo jeder in seiner Wohnung oder in seinem Häuschen lebt und alles doch sehr anonym von Statten geht.

Katha: Was für mich nach wie vor schwierig zu verstehen oder auch zu händeln ist, ist, dass wir vieles gar nicht selber entscheiden können, sondern das eigentlich die Familie und das Dorf entscheidet. Und bei Familie meine ich jetzt nicht die Eltern und Geschwister von meinem Mann, sondern wirklich die große Familie. Das sind irgendwelche Leute, da kenne ich gar nicht den Verwandtschaftsgrad, aber irgendwie hat jeder gefühlt irgendwas zu sagen.

In unserem normalen alltäglichen Leben ist das jetzt nicht so sehr, weil wir nicht im Dorf wohnen, sondern ungefähr eine Stunde von der Familie entfernt und von der Dorfgemeinschaft, die einfach sehr viel zu sagen hat.

Wo uns das sehr aufgefallen ist, war bei unserer Hochzeit. Wie wir vorhin schon gehört haben, sind Hochzeiten sowieso komplett ne andere Geschichte als in Deutschland. Bei der Hochzeit geht’s nicht wirklich um das Paar, sondern es geht um die Familie und um das Dorf. Wenn jetzt zwei Leute aus Bali heiraten, dann geht es darum, dass die eine Person im Dorf von der anderen aufgenommen wird und so weiter. Das war bei mir natürlich nicht so bzw. ich wurde auch im Dorf aufgenommen, aber ich musste nicht aus meinem alten Dorf entlassen werden, da es sowas in Deutschland nicht gibt.

Auch bei der Hochzeit dreht sich alles um die Gemeinschaft und nicht um uns individuell als Paar. Was wir wollen, ist völlig nebensächlich, das interessiert nicht.

Ich hatte eben das Glück mit meiner Familie, dass sie relativ tolerant ist und natürlich auch einsieht, dass es für mich sehr schwer ist, alles, was ich kenne, über den Haufen zu werfen. Sie haben schon versucht, auf mich und meine Wünsche einzugehen, aber ich musste sehr schmerzlich feststellen, dass ich nichts kontrollieren kann. Alles, was passiert, wird über meinen Kopf hinweg entschieden. Das ist definitiv eine Herausforderung.

Und ja, es gibt natürlich auch Verpflichtungen. Das Glück, das wir haben ist, dass mein Mann der zweite Sohn ist. Er hat einen älteren Bruder und der lebt im Familienhaus im Dorf mit seiner Frau und seinen Kindern. Er macht alles, da das eigentlich traditionell vom ältesten Sohn erwartet wird. Er hat eine Familie und auch wiederum einen Sohn – das ist hier auf Bali ganz wichtig. Alles wird an den ersten Sohn vererbt und der hat aber auch die ganzen Pflichten wiederum, muss sich um die Familie und um die Eltern kümmern. Es gibt auch regelmäßig diese Dorfgemeinschaft-Versammlungen. Mein Mann müsste eigentlich jetzt, wo wir verheiratet sind, auch an diesen Treffen teilnehmen, weil das alle verheirateten Männer müssen – eine sogenannte Ältesten-Versammlung.

Nur, da wir nicht dort wohnen, bezahlen wir einfach ein bisschen Geld jedes halbe Jahr und das befreit uns dann sozusagen von der Pflicht, anwesend zu sein und bei verschiedene Sachen zu helfen. Wie bei Hochzeiten oder Zeremonien, kommt dann einfach das ganze Dorf zusammen und hilft beim Kochen oder sie bereiten zusammen die Dekorationen und die Opfergaben vor. Wenn irgendwas im Dorf ist, dann muss mein Schwager da auch hin und helfen oder eben meine Schwiegermutter oder meine Schwägerin. Wir sind in dem Sinne davon befreit, da wir einfach nicht dort vor Ort sind.

Das ist schon auch angenehm, sonst müssten wir da wahrscheinlich mehr machen bzw. mein Mann. Ich bin da so ein bisschen raus, da ich Ausländerin bin und einen Vorteil habe. Von mir wird nicht erwartet, dass ich das mache. Ich glaube auch ganz ehrlich, die meisten dort denken auch, ich würde das gar nicht können.

Gunda: Ja, das ist ein Vorteil für dich als Ausländerin. Diesen Vorteil bekomme ich auch oft zu spüren. Der Vorteil hilft auch immer bei den Fettnäpfchen, wo wir vorhin schon drüber geredet haben. Also, wenn man was sagt oder was macht, was einem Indonesier nicht so schnell verziehen würde, ist das bei uns nicht so schlimm. Auch wenn es darum geht, seine eigene Meinung zu haben oder wo man sich denkt, da müsste man in Indonesien vielleicht bisschen mehr aufpassen oder sich zurück halten. Da bin ich manchmal ganz froh, wenn ich einfach so geradeaus sagen kann, was ich was ich möchte oder was ich denke. Da sagen sie dann einfach: naja, der Bule, das ist schon okay so.

Katha: Definitiv. Da muss ich dir 100% zustimmen und ich nutze das mittlerweile auch für mich. Denn es ist sowieso egal, was ich tue ich, werde immer als Ausländerin hier angesehen werden schon allein vom Aussehen her. Egal, was ich tue, ich werde hier nie 100% als Einheimische wahrgenommen und das kann ich ja auch gar nicht sein. Das werde ich nie werden, das ist völlig klar. Ich nutze das dann auch ab und zu und kann mir dann so kleine Freiheitsinseln schaffen.

Ich möchte mich gerne einbringen, ich passe mich auch sehr gerne an, ich finde die Kultur auch in vielen Teilen toll und schön, aber manchmal ist es auch einfach für mich ein Vorteil, dass ich sagen kann: sorry, bin ich raus oder ich mache das anders. Ich versuche dann natürlich, den Leuten nicht so extrem vor den Kopf zu stoßen. Ich mache das jetzt nicht so mega absichtlich bei Sachen, wo ich weiß, es ist doof. Aber ich denke, so kleine Sachen machen wir ähnlich.

Gunda: Ja, man sucht sich eben einen Weg durch diesen Dschungel, ich kann das nachvollziehen.

Das klingt so spannend, ich glaube, wir könnten ewig drüber reden. Es gibt so viele Sachen, die einen faszinieren und die so anders sind, als wie wir es von Deutschland kennen und als gewöhnlicher Tourist kommt man ja an solche Dinge gar nicht ran.

Man bekommt nicht die Einblicke, wie wenn man wirklich dort lebt. Also das ist ein großer Unterschied.

Gibt es denn so bestimmte Bräuche über Rituale, die dich ganz arg faszinieren oder wo du sagst, das ist jetzt erwähnenswert? Irgendwas, das total verrückt ist oder wunderschön?

Katha: Ja, ich finde eigentlich alles mega interessant und wunderschön, angefangen von den normale, Gebetsritual bis zu den verschiedenen Stufen, wie gebetet wird und welche Blumen dabei zum Einsatz kommen. Es gibt verschiedene Gebete, zu denen verschiedene Blumen genutzt werden und am Ende gibt es das heilige Wasser. Das heilige Wasser ist für alle in dieser balinesischen Kultur, Tradition und Religion sehr wichtig. Das finde ich wunderschön. Wenn ich jetzt aber eins rauspicken soll, dann finde ich die klassische Reinigungszeremonie ganz toll. Da gibt’s verschiedene Möglichkeiten. Man kann einfach zum richtigen Fluss gehen und das dort machen – das finde ich auch super. Was bei Touristen aber wahrscheinlich eher bekannt ist, ist der Wassertempel in Tirta Gangga. Da können eben auch Touristen an Reinigungszeremonien teilnehmen.

Sowas finde ich wirklich faszinierend und richtig schön. Das mache ich auch sehr gerne mit. Es gibt auch diese tolle Tradition von diesen Tempel-Armbändchen. Die gibt’s in verschiedenen Farben. Das normale ist weiß, schwarz und rot und das steht für die drei Farben für die drei obersten Götter Brahma, Shiva und Vishnu. Das bekommt man nach einem bestimmten Gebet oder Besuch von bestimmten Tempeln an das rechte Handgelenk. Das ist für mich ein ganz tolles Symbol, weil es hat mich von Anfang an fasziniert, was zu bekommen, was man am Körper tragen kann.

Das besonderste von allen Tempel-Armbändchen gibt es einmal im Jahr im Haupttempel von Bali im Pura Besakih. Da gibt es einmal im Jahr eine sehr große Zeremonie, wo alle aus ganz Bali hinkommen bzw. zumindest Vertreter von jeder Familie hin sollen. Dort gibt es dann ein ganz spezielles Armbändchen, das neun verschiedene Farben hat und diese neun Farben sind ganz bunt und sehen auch super schön aus. Es steht einfach für das komplette Universum. Du hast dann das komplette Universum an deinem Handgelenk.

Leider konnte ich das jetzt schon länger nicht mehr bekommen, weil jetzt die letzten zwei Jahre das einfach situationsbedingt ausgefallenen ist bzw. es wurde natürlich trotzdem gemacht, aber nur sehr klein, glaube ich. Von jeder Familie durften dann nur maximal zwei Personen kommen oder so, es war sehr limitiert. Deswegen war ich schon lange nicht mehr dort und ich warte darauf, dass ich wieder hin kann und mir mein Universums-Armbändchen abholen.

Gunda: Wow, es gibt nichts schöneres oder als das Universum am Handgelenk zu tragen. In welchem Monat ist das normalerweise?

Katha: Das ist im April.

Gunda: Okay, im April. Dann hoffen wir mal für nächstes Jahr, das es klappt.

Ich schaue gerade auf die Uhr. Ich finde, wir können ewig über diese faszinierende Tradition sprechen, aber wir müssen ein bisschen gucken, dass es dann nicht allzu lange wird. Vielleicht machen wir einfach irgendwann noch mal eine Folge speziell nur über den balinesischen Hinduismus.

Katha: Das würde mich sehr freuen!

Gunda: Bevor wir zum Ende kommen, würde ich dich gerne fragen, wie es aussieht als Paar zweier Nationen, also mit zwei unterschiedlichen Nationalitäten. Was die Bürokratie betrifft, ist das bestimmt auch nicht so einfach. Ich habe das ganze jetzt selber hinter mir.

Hast du denn irgendwie Tipps oder erfahrungsgemäß, was hilft denn da oder wie kann man die Ruhe bewahren und einen kühlen Kopf bewahren? Für Paare in ähnlichen Situationen, was magst du denen mitgeben?

Katha: Was ich denen mitgeben möchte, ist, plant vorher ein, dass alles was schief gehen kann, was schief geht. Das ist mein, ich will nicht sagen Trick, aber wenn du einfach von vornherein davon ausgehst, dass es nicht so klappt, wie du es dir vorgestellt hast, ist es nachher nicht so schlimm. Erfahrungsgemäß, egal wie gut du dich vorbereitest, am Ende fehlt doch irgendwas oder es ist doch irgendwas anderes. Irgendwas ist immer und ich würde jedem raten, das vorher einzuplanen – finanziell und zeittechnisch. Ich würde einfach darauf eingestellt sein, dass es einfach sehr viel länger dauern könnte und auch gegebenenfalls teurer wird. Meist muss man doch noch mal irgendwas von Deutschland herschicken oder noch mal ein Dokument neu machen oder irgendwas, was eben ist.

Ich bin zwar trotzdem jedes Mal aufs Neue frustriert, aber es ist auf jeden Fall gut, so früh es geht, mit irgendwelchen Dokumenten anzufangen. Meist läuft es dann doch auf den letzten Drücker hinaus, egal, wie früh man angefangen hat. Aber wenn ich weiß, ich kann drei Monate vorher damit anfangen, dann fange ich auch wirklich 3 Monate vorher damit an und denke nicht, das wird schon irgendwie und fange dann zwei Wochen vorher an.

Gunda: Das ist ein sehr guter Tipp, den werde ich auch für mich noch verstärkt umsetzen. Die Erwartungen nicht zu hoch schrauben.

Katha: Für den Umgang mit indonesischen Behörden habe ich eigentlich auch noch einen Tipp. Was mir jetzt dann doch sehr oft schon geholfen hat und was ich auch bei Freunden beobachten konnte, ist hartnäckig sein. Einfach bis aufs Blut nerven, wenn es sein muss. Wir kennen das ja eher aus Deutschland, dass wir nicht nerven, sonst packen sie einen ganz unten auf den Stapel. In Indonesien habe ich die umgekehrte Erfahrung gemacht. Du musst einfach, wenn es sein muss, jeden Tag auf der Matte stehen und ich empfehle auch, persönlich hinzugehen, wenn es geht und es nicht zu weit weg ist. Wirklich persönlich dort erscheinen. Meine Strategie ich jetzt mittlerweile, das ich sage, ich bleibe hier bei Ihnen im Büro, bis das fertig ist. Und das funktioniert dann erstaunlicherweise gut, das war dann echt innerhalb von 10 Minuten. Oder auch werden manchmal irgendwelche Verordnungen angegeben und dann einfach zu fragen: kann ich bitte die offizielle Verordnung sehen, wo das steht? Weil ganz oft gibt’s die nicht und irgendwelche Büros machen ihre eigenen Regeln. Wenn du fragst, wo die offizielle Verordnung dazu steht und sie können es nicht zeigen, dann sagen sie oft: naja ok, dann machen wir es halt doch ohne.

Gunda: Ja, das sind wirklich diese zwei Tipps: hartnäckig sein bis zum bitteren Ende und persönlich hingehen.

Und fragen, wo das steht. Das ist bestimmt hilfreich!

Katha: Ja, und wie man dann einen kühlen Kopf bewahrt, keine Ahnung! Gelingt mir meist selber nicht!

Da muss man dann einfach den Kopf schütteln und weitermachen und denken: naja, Indonesien! Es gibt Dinge, die kann man hier nicht ändern. Aber wir leben ja hier.

Was ich auch ganz gut finde ist, sich mit anderen Leuten in ähnlichen Situationen auszutauschen.

Gunda: Ja, das stimmt. Und sich auf die schönen Momente fokussierend, die das ganze Theater wieder wettmachen. Was sind denn für dich die schönsten Momente auf Bali?

Katha: Das ist, wenn ich merke, wie herzlich einfach die Menschen ganz oft sind, so oft, wie wir irgendwie an irgendwelche Grenzen stoßen, so oft werden diese Grenzen auch geöffnet. Es wird dann einfach irgendwie was gemacht, wo ich merke, es ist nicht immer nur so: du bist Tourist und ich will dein Geld oder so, nein! Oft ist es so, dass mir oder meiner Familie oder meinem Umfeld einfach geholfen wird, einfach aus dem Herzen raus und mit so einer Wärme und Energie. Dieser Gemeinschaftssinn hat sowas Positives und es kommt einfach aus dem Herzen raus. Oder ich bekomme was geschenkt, wenn ich oder wir mit dem Roller rumfahren und irgendwo anhalten, um ein paar Fotos zu machen. Die Leute freuen sich dann und vielleicht haben sie ein Feld und pflücken irgendwelche Tomaten oder was anderes. Was habe ich schon geschenkt bekommen, Granatäpfel, alles mögliche! Und dann bekommt man das einfach geschenkt, weil sie sich so freuen, dass man da ist. Das finde ich immer ganz toll, diese Herzlichkeit und auch dieser Zusammenhalt.

Gunda: Das begegnet mir auch immer wieder, da kann ich dir Recht geben.

Also wir sind eigentlich schon fast am Ende angelangt. Wie sehen denn eure Zukunftspläne aus ? Also soweit, wie man das auch planen kann.

Katha: Vielleicht erzähle ich dazu kurz was. Wir haben jetzt zwar letztes Jahr geheiratet, aber wie ich ja schon erwähnt hatte, gibt es hier verschiedene Abteilungen. Für die Religion und auch für den Staat sind wir offiziell verheiratet. Wir haben alle Dokumente und alles, nur ist das aufgrund von Corona sehr klein ausgefallen. Wir haben wirklich nur die minimale Zeremonie gemacht, die notwendig war, um die offiziellen Dokumente zu erhalten. Da fehlen noch etwa 95 %. Die sind quasi für die Tradition fürs Dorf – also für die sind wir noch nicht abschließend vollständig verheiratet.

Das ist auch unbedingt nachzuholen, es kann zwar zeitlich verschoben werden, das muss nicht unbedingt zeitlich direkt aufeinander folgen, aber es muss halt irgendwann gemacht werden. Ich wünsche mir sehr, dass meine Eltern aus Deutschland dabei sein können. Es ist einfach was ganz besonderes, es ist eben komplett anders als alles, was wir aus Deutschland kennen und ich möchte das definitiv nicht alleine feiern. Es war eigentlich für jetzt im August geplant und es war auch schon alles vorbereitet. So wie letztes Jahr, damals war auch alles vorbereitet und dann haben wir nur die kleine Version gemacht. Jetzt haben wir wieder alles abgesagt, weil die Situation in Indonesien nicht gut ist und die Grenzen wieder geschlossen sind. Jetzt ist es also wieder auf unbestimmte Zeit in die Zukunft verschoben. Dabei wäre das jetzt einmal ein Plan, dass irgendwann tatsächlich eine große Hochzeitsfeier stattfindet.

Gunda: Dann drücken wir mal die Daumen, dass das demnächst klappt. Das ist natürlich ein Nachteil, wenn man Familie so weit weg hat. Im Moment sind die Grenzen immer wieder zu und die Bestimmungen so schwierig undurchsichtig oder ändern sich immer wieder.

Das tut weh, vor allem, wenn es um Hochzeit geht. Wir haben auch erst letztes Jahr im September offiziell für den Staat geheiratet und gleiches Thema! Bis jetzt noch keine Feier gehabt. Sehr schwierig! Da drücke ich uns mal die Daumen.

Zum Abschluss gibt’s noch meine letzten zwei Fragen: Was vermisst du denn aus Deutschland am meisten, wenn du in Indonesien bist und umgekehrt? Wenn du in Deutschland bist, gibt’s doch bestimmt auch was, das du von hier vermisst?

Katha: Also wenn ich in Indonesien bin, dann vermisse ich tatsächlich das Essen.

Gunda: Und das, obwohl du in Bali bist und ganz viel hast!

Katha: Das stimmt schon, aber es ist nicht das Gleiche. Und klar, gibt’s hier viel, aber ich muss sagen, vieles ist doch einfach echt teuer im Vergleich.

Und jeden Tag einfach diese Auswahl haben, irgendwo in eine Bäckerei zu gehen und Brot zu kaufen und dann mal Frischkäse drauf zu schmieren. Also wir haben das hier im Supermarkt, aber zu Preisen!

Was mir außerdem manchmal fehlt, ist die Klarheit von manchen Dingen. Also hier gibt es zwar Regeln, aber dann vielleicht auch doch nicht und vielleicht nur in dem Moment oder dann auch nicht. In Deutschland ist das meistens ein bisschen klarer, da gibt’s dann die Regeln und die gelten dann doch immer. Das macht Dinge manchmal leichter, aber manchmal auch schwieriger.

Und wenn ich in Deutschland bin, dann vermisse ich das Wetter und die entspannte Lebensweise von Indonesien. Einfach dieses Dasein und im Hier und Jetzt leben und nicht zu viel an übermorgen oder gestern zu denken. Du lebst einfach.

Auch das Essen vermisse ich in Deutschland, dann das Indonesische. Und ganz klar den Strand und diese Herzlichkeit.

Gunda: Ja, in Deutschland ist nicht nur das Wetter ein bisschen kühler, gell?

Katha: Ja, genau,

Gunda: Schön, Katha, wir sind schon über die Zeit hinaus, aber das macht gar nichts. Es war wunderschön, mit dir zu sprechen und ich würde mich freuen, wenn wir das wiederholen. Danke, dass du bei mir warst und danke für all die tollen Einblicke. Ich wünsche euch alles Gute für eure Zukunft und für die Hochzeitsfeier und alles was da noch kommen mag.

Terima kasih banyak oder wie man bei euch sagt: suksma!

Katha: Ich danke dir auch für die Einladung und wünsche euch natürlich im umgekehrten auch das Gleiche, ihr seid ja in einer ähnlichen Situation.

Gunda: Das stimmt. Vielen Dank, bis zum nächsten Mal!

Katha: Bis dann, ciao!

 

Das war Coconut-Talk, dein Podcast über das Leben in Indonesien.

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Bis zum nächsten Mal, Sampai jumpa!

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