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Herzlich willkommen bei Coconut-Talk, deinem Podcast über das Leben in Indonesien. Mein Name ist Gunda und gemeinsam werden wir die zahlreichen Inseln Indonesiens entdecken. Mari – los geht’s!

 

Gunda: Hallo und herzlich willkommen, selamat datang zu unserer heutigen Folge bei Coconut-Talk. Ich habe heute Markus bei mir. Markus kommt ursprünglich aus Frankfurt und lebt seit fünf Jahren fest auf Bali. Wir werden uns heute über sein Buch unterhalten, das nennt sich Bali verstehen lernen, und es gibt einen kleinen Einblick in die balinesische Kultur inklusive dem Hinduismus. Außerdem werden wir hören, wie Markus auf Bali lebt, was er da macht und wie das Familienleben mit drei Kindern aussieht.

Falls dir diese Folge gefällt, dann würde ich mich freuen, wenn du diesen Podcast abonnierst oder mir eine kleine Bewertung bei Itunes hinterlässt. Falls du Fragen, Anregungen oder spezielle Themenwünsche hast, darfst du mir auch gerne unter hallo@coconut-talk.com schreiben.

Jetzt aber erstmal viel Spaß mit unseren neuen Podcast Folge!

 

Hallo Markus, herzlich willkommen! Schön, dass du da bist.

 

Markus: Hallo Gunda.

 

Gunda: Magst Du vielleicht zu Beginn erstmal erzählen, wo genau du auf Bali lebst und was du da aktuell machst.

 

Markus: Ich lebe im Norden von Bali in Dörfchen Tejakula, wobei das schon eigentlich kein Dörfchen mehr ist, es ist schon ein recht großes Dorf. Wir sind etwa eine Stunde von Singaraja entfernt, der nächsten größeren Stadt. Ich kann es schwer sagen – ich habe immer mal gefragt, wie viele Einwohner hier sind, aber es sind definitiv über 10.000. Es ist ursprünglich ein Fischerdorf, in dem auch Landwirtschaft betrieben wird. Ich fühle mich hier ganz wohl.

Ja, und was ich mache hier? Ich habe drei Kinder und bin mit meiner Frau hier. Wir sind zur Elternzeit nach Bali gezogen. Wir haben jetzt eine kleine Villa aufgebaut, die wir vermieten wollen. Ich unterrichte zum Teil noch Studenten für Projekte im Bereich Informatik und bau hier ein bisschen was an oder spiel ein bisschen rum und -Kindererziehung halt.

 

Gunda: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass du nach Indonesien ausgewandert bist oder dass du jetzt in Bali lebst? Was hast du vorher gemacht?

 

Markus: Also eigentlich bin ich schon immer Informatiker. Ich komme aus dem Bereich und habe dort unterrichtet. 2002 bin ich das erste Mal mit meiner Ex-Freundin nach Bali gekommen und bin auch gleich hier in Tejaluka gelandet, in der Hotelanlage Gaia-Oasis, die ein bisschen entfernt von hier ist. Es war ein sehr traumhafter Urlaub und ich habe mich beim ersten Mal in diese Insel – wie viele andere auch – mehr oder weniger verliebt. Ich war auch sehr traurig, als ich hier wieder weg musste.

Und dann bin ich ein paar Mal wiedergekommen und die Gefühle waren eigentlich immer ähnlich.

2007 bin ich dann das erste Mal alleine hierhergekommen ohne meine Ex-Freundin – wir hatten uns getrennt – und dann habe ich meine Frau hier kennengelernt. Und ja, wie es so ist, dann verliebt man sich. Man weiß eigentlich, was für Probleme es mit sich bringt, aber ja, man macht das Ganze trotzdem mit.

Und manchmal habe ich das Gefühl: Ich versuche immer mehr von Bali zu verstehen, erst am Anfang, dann kommt man nach 5 Jahren Ehe her und man denkt, man ist ein bisschen ein Profi, man hat alles gesehen, man erklärt den anderen Touristen etwas.

Aber wenn man sich hier ein bisschen mit der Religion beschäftigt und mit der Mentalität dann merkt man nach einiger Zeit: Huch, man wusste doch irgendwie gar nichts.

Und wenn man hier lebt und was aufbaut – vor allem ich als Mathematiker und Informatiker mit meinem sehr westlichen Denken – wahrscheinlich hat sich halt wirklich einer mal gedacht, wir nehmen den Kerl mal und stecken ihn nach Bali und schauen mal, wie der jetzt da zurechtkommt.

Denn hier funktioniert das natürlich nicht so wie in Deutschland. Man muss viel umdenken, viel akzeptieren und sehr viel Geduld mitbringen. Man lernt hier sehr viel dazu.

 

Gunda: Vielleicht ist es auch genau der Gegensatz, der einen fasziniert. Also mir geht’s schon auch so, dass ich mir denke, in Indonesien ist es auf den ersten Blick etwas chaotisch, aber es funktioniert ja doch irgendwie und man kann man sich ja schon manchmal was abschauen. Wobei es natürlich das andere Extrem ist, wenn dann gar nichts funktioniert.

 

Markus: Ja, also ich vergleiche es immer damit: man hat ja normalerweise eine Karte, wenn man in irgendein Land geht. Wir haben unsere Landkarte für Deutschland, die funktioniert in Deutschland. Wenn man aber mit dieser Landkarte hier nach Indonesien oder nach Bali kommt, da merkt man, dass man eine neue Landkarte braucht und dass die nicht so funktioniert. Das heißt man muss schon sehr flexibel sein und denken.

Manchmal kann man allerdings auch gut Sachen adaptieren aus Deutschland – es ist immer so ein Balance-Akt, würde ich mal sagen.

Aber gerade die Religion hat mich schon fasziniert. Wobei am Anfang war ich gar nicht so fasziniert davon, ich war mehr der Tourist, der die Atmosphäre genossen hat. Dass ich mich da intensiver damit beschäftigt habe, war halt zwangsläufig. Denn man fängt dann irgendwann an, kommt hier rein und sowieso, wenn man heiratet, dann muss man die gleiche Religion haben. Ich habe die Religion dann auch angenommen und viele Fragen gestellt, die mir aber nicht wirklich beantwortet wurden.

Wie soll ich sagen, wenn ich eine Frage stelle bzw. wenn mich jemand fragt: Deutsch, wie geht es? Dann sag ich: ja, das spricht man halt so. Ich kenne die Regel nicht als Muttersprachler, ich mache das automatisch. Und so ist es glaube ich auch bei den Balinesen und der Religion.

Die meisten können das gar nicht erklären, sondern die leben das einfach und dann wird halt so gemacht und okay. Man ist genauso schlau wie vorher.

 

Gunda: Du hast vorhin schon gesagt zwangsläufig kommt das sowieso, wenn man einen Partner hat. Wie war das denn bei oder wie ist das bei deiner Frau und der Familie deiner Frau? Sind die sehr traditionell oder gab es da anfangs mal Probleme, weil du der Ausländer bist? Wie wurdest du da aufgenommen?

 

Markus: Also ich habe in der Hinsicht Glück gehabt, weil die Familie von meiner Frau sehr tolerant ist und damit überhaupt keine Probleme gehabt hat. Sie ist allerdings trotzdem sehr traditionell, das heißt der Glaube wird schon sehr gelebt und man muss sich an bestimmte Dinge halten, zum Beispiel wenn irgendwelche Zeremonien stattfinden oder sowas. Das gehört alles zum Standardrepertoire.

Und ich habe mich jetzt wirklich viel mit der Religion beschäftigt und bei ein paar Sachen  zum Beispiel, wenn Opfergaben gemacht werden – das kostet wirklich nicht gerade wenig diese Opfergaben und ich frage mich, wie die Balinesen das zum Teil stemmen.

Ich weiß viele machen auch Schulden und man hilft sich gegenseitig, aber ich habe auch mal einen höheren Priester gefragt, ein Resi im Süden. Ich habe ihn gefragt: Muss das sein, dass man so viel opfert und gerade Tieropfer?

Ich weiß noch wir haben hier unseren eigenen Tempel gebaut und dann sind da irgendwie drei Schweine und 40 Hühner geopfert worden und ich fand es einfach viel zu viel. Aber sie sagen, das ist für Gott, das ist nicht problematisch und es wird auch benutzt und nichts weggeschmissen. Danach werden die Opfergaben verteilt oder an Familie, Bekannten und Nachbarn gegeben.

Aber der Resi aus dem Süden hat mir auch gesagt, dass es natürlich trotzdem vom Glauben abhängt. Wenn du das anders willst, könntest du das auch reduzieren.

Wir versuchen das im Rahmen zu halten, bei uns wird das nicht übermäßig gemacht, zumindest die Tieropfer, aber die gehören halt trotzdem dazu.

 

Gunda: Ich denke es nimmt auch unglaublich viel Zeit in Anspruch, diese Zeremonien und Opfergaben.

 

Markus: Das ist ein richtiger Businesszweig geworden. Früher hatte natürlich jeder Zeit und hat das selber gemacht. Es ist auch ein bisschen ein Zusammenkommen. Leute und Familie treffen sich und machen die Opfergaben zusammen. Man zeigt damit Dankbarkeit.

Während der Corona Zeit ist es natürlich ein bisschen anders geworden, aber davor, als der Tourismus sehr aufgeblüht ist und sehr stark war, hatten viele Leute nicht mehr so viel Zeit. Dann machen das bestimmte Leute und man bezahlt sie dafür, damit sie die Opfergaben vorbereiten. Es wird zum Teil auch immer noch so gemacht.

Und das kostet wirklich nicht wenig. So ein Schwein alleine, vor allem jetzt sind die Preise wieder etwas teurer, das ist schon mal gerne bei 200 € und da kommen noch weitere Opfergaben dazu.

Wenn man hier eine Hochzeitszeremonie macht, dann ist unter 2000 € schon fast knapp bemessen. Man kriegt auch eine für 800 € hin, aber dann ist es minimalistisch. Das kann aber auch gerne bis 5000 € gehen. Ich habe auch schon überlegt, meine Hochzeit war so im mittleren Bereich damals. Das ist jetzt auch schon 12 Jahre her, das war 2009. Das hat damals knapp 3500/4000 € gekostet.

Wie die Balinesen das zum Teil stemmen – da wird zwar geholfen, aber es ist trotzdem eine Meisterleistung.

 

Gunda: Und es muss ja gemacht werden, ne? Also ich hatte schon ein Gespräch mit Katha in der zweiten Folge. Sie hat auch balinesisch geheiratet, aber sie haben die große Zeremonie noch nicht gemacht, weil es wegen Corona eben nicht ging. Sie haben nur eine ganz vereinfachte gemacht, damit es offiziell anerkannt wurde. Aber fürs Dorf und die Gemeinschaft war diese Thema eigentlich noch nicht abgehackt. Sie müssen da immer noch eine ganz große spezielle Zeremonie machen, damit es akzeptiert wird.

 

Markus: Ja, da sind die hier ein bisschen pragmatisch. Das ist bei der Zeremonie, auch bei Beerdigungs- oder Verbrennungs-Zeremonien. Man kann das gleich machen, wenn das Geld da ist, man kann es aber auch als eine Hochzeit light oder einer Beerdigung light machen und dann später das mit jemand anderen zusammen machen. Diese Möglichkeit besteht. Man versuchts aber natürlich irgendwie zeitnah zu machen.

 

Gunda: Ja, das wäre jetzt mein nächster Punkt gewesen: Beerdigungen.

Ich habe von einer balinesischen Freundin gehört, dass sie dann warten bis mehrere Leute eingeäschert werden und dann ist es eine große Zeremonie.

 

Markus: Ja, also die Beerdigungszeremonie hängt wie schon erwähnt ein bisschen davon ab, ob das Geld da ist. Man versucht das gleich zu machen, wenn das Geld da ist. Allerdings muss man einen guten Tag abwarten. Es geht nicht, dass jemand stirbt und dann kann man gleich eine Zeremonie machen – das geht nicht.

Man muss erst im Kalender nachschauen und dann werden die hier – zumindest im Dorf bei uns – wirklich buchstäblich auf Eis gelegt. Das heißt, da wird wirklich Eis besorgt und die Körper dementsprechend aufbewahrt. Mittlerweile gibt es vereinzelt auch Tiefkühltruhen dafür – in Singaraja wird es natürlich ein bisschen professioneller gemacht.

Und wenn der Tag da ist, wird die Zeremonie gemacht. Also an dem Tag ist Trauerstimmung, die Familie bereitet vor und macht diese ganzen Sachen. Wenn das Geld nicht da ist, macht man halt wieder eine Light-Version und vergräbt die Person und macht es später mit anderen zusammen.

Und wenn jemand verstorben ist, unterbricht das auch den kompletten Prozess von allem. Das heißt die Familie muss aufhören, bestimmte Sachen zu machen und zum Teil werden Geschäfte geschlossen. Wenn jemand im Ausland ist, der Sohn oder die Tochter, die müssen dann meistens auch zurückkommen oder versuchen es zumindest. Die Familie bereitet dann alles vor.

Auch wenn eine Hochzeit geplant ist – das ist das schwierige, meine Mutter hat mich damals gefragt: Ja, kannst du mir dann einen Termin für die Hochzeit sagen? Wann kann ich den Flug buchen? Ja, das war aber gar nicht so leicht. Ich habe den erst 4 Monate vorher erfahren, denn es muss ein guter Tag sein. Und selbst dann kann dir keiner garantieren, dass der stattfindet, weil wenn dann jemand in der Familie stirbt, muss alles verschoben werden.

Das ist bei uns zum Glück nicht passiert, aber bei einer Familie von 80 Familienmitgliedern kann es durchaus vorkommen und dann wird der Termin für später gesetzt.

 

Gunda: Verrückt und sehr ungewohnt für uns.

Wir sind jetzt schon voll in der Materie drin, du kennst dich auch gut aus. Du hast nämlich ein Buch dazu geschrieben, und zwar „Bali verstehen lernen“. Wie kam es denn überhaupt zu der Idee, dieses Buch zu schreiben?

 

Markus: Da gabs eigentlich mehrere Initialzündungen. Das erste war: Ich wollte verstehen und ich habe nachgefragt und habe die Antwort nicht bekommen. Was habe ich dann gemacht? Ich habe gesucht. In der Schule gibt es Schulbücher, die aber manchmal auch gar nicht so leicht zu bekommen sind und die habe ich mir besorgt. Das sind Bücher für  Kleinkinder quasi von Klasse 1 bis 4. Damit habe ich angefangen zu lernen und habe dadurch auch das Indonesisch mehr gelernt.

Aber was sehr ausschlaggebend für mich war: Ich war im Süden in Sanur auf einer Begräbnis-Zeremonie eingeladen, bei der die Verbrennungs-Zeremony gleich mit stattgefunden hat. Da waren sehr viele Touristen in der Gegend. Bei uns im Norden gibt es für so eine Zeremonie bestimmte Regeln, die speziell sind.

Und ich hatte damals das Gefühl, die Touristen kamen gar nicht mehr in Kontakt mit dem Ganzen, denn die sind mit Badeklamotten hingegangen und haben Fotos gemacht. Das macht man eigentlich nicht – also bei uns im Norden hätten die sicher gesagt: Zieht euch mal einen Sarong an, wenn ihr das machen wollt und bekleidet euch obenrum.

Im Süden scheint man sich aber damit arrangiert zu haben und ich habe das Gefühl gehabt, dass die Touristen eigentlich ein bisschen mehr von Bali sehen wollten, aber wer im Süden landet, hat nicht mehr so die Möglichkeit dazu. Denn dort lande ich in einem Hotelkomplex, wenn ich Glück habe kommuniziere ich mit den Angestellten und dann nehmen sie mich vielleicht mal mit, aber ansonsten gehe ich halt zu den Standard-Tempeln und der Guide erzählt ein bisschen was. Aber eine richtige Zeremonie und das richtig zu erleben, das kann ich dort nicht. Ich hatte aber schon das Gefühl, dass das Bedürfnis da war.

 

Gunda: Und wie hast du dann die Themen recherchiert? Du hast vorhin schon gesagt mit den Büchern von der ersten Klasse an, aber Hinduismus ist ja sehr komplex und umfangreich und es gibt so viele Unterschiede. Dass man da überhaupt eine Struktur reinbringt und weiß, worauf man sich fokussieren soll. Wie bist du da vorgegangen? Ich stelle mir das total schwierig vor.

 

Markus: Das ist wahrscheinlich nie genug und einige Leute, die mein Buch lesen und sich damit auskennen, werden vielleicht sagen: da geht’s ein bisschen in die Richtung, die ich so nicht nachvollziehen kann. Was daran liegt, dass bestimmte Rituale und bestimmte Sachen auch sehr regional sind. Die sind woanders ein bisschen anders und auch Leute erzählen dann ein bisschen was anderes. Ich habe versucht, Leute zu interviewen und zu fragen, u. a. ein paar Priester, der Schwager von mir ist ein Dorf Priester hier. Ich habe auch mit einem Resi gesprochen und ein bisschen interviewt. Immer wenn ich fragen konnte, habe ich nachgefragt.

Wir haben Ähnlichkeiten mit dem Hinduismus in Indien, er ist kommt ja auch ursprünglich von dort, aber der balinesische Hinduismus ist wieder ganz anders. Obwohl wir manchmal auch die gleichen Gottheiten haben, aber wie das umgesetzt wird und das Gefühl dazu ist dann doch wieder unterschiedlich.

Ich habe versucht, mein Wissen, meine Erfahrungen und meine Meinung wiederzugeben und habe auch immer mit Touristen gesprochen, wenn die Fragen hatten. Ich gehe in eine Zeremonie und bekommen das Weihwasser, das man dreimal zum Mund führen muss. Ich hatte immer diese Fragezeichen am Anfang: Was ist das denn für Wasser? Einem wird immer gesagt, dass man beim Zähneputzen Trinkwasser und nicht das Leitungswasser benutzen soll und jetzt wird mir hier irgendein Wasser serviert. Kann ich das jetzt bedenkenlos trinken oder nicht?

Da sieht man die Fragezeichen über den Köpfen. Auch das Thema: Wie verhalte ich mich? Muss ich jetzt hier total ernst und ruhig sein? Wann muss ich denn was machen?

Das weiß ich halt mittlerweile, da habe ich mittlerweile genug Erfahrung.

 

Gunda: Das heißt du bist einfach auch von deiner Erfahrung ausgegangen, wie es dir am Anfang erging und hast diese Themen dann mehr oder weniger beantwortet.

 

Markus. Ja. Ich habe ja auch mit meiner Familie bereits etliche Zeremonien durchgemacht. Meine Kinder haben alle Zeremonien durchgemacht, die für ihr Alter notwendig sind – da muss man sich zwangsläufig damit beschäftigen.

 

Gunda: Und würdest du sagen, dass es auch zu dir passt? Findest du dich da wieder? Kannst du damit auch was anfangen?

 

Markus: Absolut. Also ich würde nicht alles unterschreiben, was im Hinduismus gelebt wird hier in Bali, da gibt’s Sachen, denen stehe ich skeptisch gegenüber. Aber vieles und von der Grundmentalität her, gerade was das Karma betrifft, ja. Das Ergebnis deiner Handlungen ist hier sehr wichtig, also was ich tue, das kriege ich auch zurück, das ist ein Grundkonzept.

Es wird auch viel philosophisches gelernt, was im Buddhismus wiederzufinden ist. Da gibt’s schon Parallelen. Das kann ich sehr gut adaptieren. Und die Dankbarkeit, die die Balinesen gegenüber allem zeigen, die halte ich auch für sehr wichtig. Das vergessen wir glaube ich in den westlichen Ländern ein bisschen.

Egal, was ist, wenn was Gutes passiert, wenn ich ein Auto gekauft habe oder so, dann muss ich eine Zeremonie machen. Natürlich muss ich dann auch einen Kostenpunkt dafür mit einplanen, aber man zeigt damit auch eine gewisse Dankbarkeit und dass du es nicht selbstverständlich ist, dass man das bekommt.

 

Gunda: Das ist auch etwas, was viele fasziniert, denke ich, diese Hingabe und Dankbarkeit jeden Tag, Tag für Tag, egal was ist.

 

Markus: Ja, es ist vielleicht auch eine Art zusätzliche Beschäftigung, ein Zusammensein. Denn man muss immer überlegen, hier in Bali ist es Nahrungstechnisch nicht ganz unproblematisch wie in Deutschland. Hier gibt’s ja keinen Winter und man hat immer irgendwie was zu essen. Das heißt auf so einen extremen Hunger müssen sie sich nicht vorbereiten. Hier pflanzt man was und das wächst.

Und ich denke, das ist erstens die Dankbarkeit dazu, aber auch eine Art Beschäftigung, noch dazu kultureller Beschäftigung. Kunst und Religion überschneidet sich für mich ein bisschen mehr.

 

Gunda: Ich wollte vorhin noch ein bisschen was zum Süden sagen. Du hast ja den Unterschied zwischen Norden und Süden Balis schon genannt. Der Süden war bis vor zwei Jahren recht überlaufen, wenn man das so sagen kann – mit vielen Touristen und Hotelkomplexen. Das ist natürlich jetzt aktuell was anderes und wird hoffentlich auch in Zukunft ein bisschen ruhiger bleiben. Mit dem ursprünglichen Bali hat es eher weniger zu tun, denke ich mal.

 

Markus: Also es ist natürlich immer schwer zu sagen, was ursprüngliches Bali bedeutet. Ich hatte da auch mal die Diskussion mit jemanden in Richtung: oh, die Reisterrassen gehen weg.

Aber wenn ich natürlich sage ganz ursprüngliches Bali: da gehören auch keine Reisterrassen dazu. Wir haben hier Dschungel, Bäume und sowas. Es ist halt eine gewisse Entwicklung da und man versucht, das im Einklang zu machen. So fängt die Diskussion auch wieder an: Ist der Tourismus nun ein Segen oder ein Fluch für Bali? Ein bisschen von beidem, denke ich denke.

Denn vielleicht wäre die Religion nicht mehr so am Leben, wenn der Tourismus nicht da wäre. Man muss ja überlegen, dass Indonesien schon auch mehr muslimisch geprägt und beeinflusst ist. Bali ist durch den Tourismus auch unabhängig geblieben und kann diese Religion sehr gut leben.

Aber du hast natürlich recht, mit dem ursprünglichen Bali… Ich weiß gar nicht, wie die da

Genau leben. Wenn ich in den Süden gehe bzw. vor zwei Jahren war es so: Man fährt mit dem Auto und will irgendwas einkaufen – das ist eine Katastrophe, das dauert vier Stunden allein, bis ich im Süden bin, für 100 km. Und wenn ich in ein Geschäft will, dann brauche ich dafür noch mal eine Stunde in Denpasar. Und wenn ich dann woanders gucken will zum Vergleichen und will dann wieder zurück – also dann ist der Tag gelaufen, dann kann ich schon wieder nach Hause gehen.

Die Touristen sind in ihren Anlagen da unten und haben ihre Touren. Sie kommen mit dem Bali-Leben kaum in Berührung. Für mich persönlich ist es ein bisschen zu viel. So viel Verkehr und sowas – deswegen bin ich ganz gerne hier im Norden.

Aber ich muss auch dazu sagen, ich kenne mich nicht so gut aus. Ich kann das nicht beurteilen, denn ich lebe hier im Norden. Ich kann nur das beurteilen, wenn ich zu Besuch komme und da kriege ich nur bedingt was mit.

Die in Ubud oder Sanur leben haben vielleicht mehr Erfahrung und auch einen anderen Einblick.

 

Gunda: Du hast vorhin auch was gesagt vom Rest Indonesiens. Ich denke, es ist ganz interessant zu erwähnen, dass es ja früher alles mal hinduistisch-buddhistisch geprägt war. Das wusste ich selber bis vor kurzem nicht so ganz. Die ganze Region war eigentlich hinduistisch und viele Elemente fließen da auch in Java in den Islam mit ein.

Erst im 11., 12., 13. Jahrhundert kamen dann die ganzen Kaufleute, die den Islam mitgebracht haben. Ich finde es irgendwie spannend, wenn man sich vorstellt, wie es wäre, wenn doch das ganze Land noch hinduistisch wäre. Das ist einfach so ein Gedankengang.

 

Markus: Ja, also der kommt ja auch aus Java, der Hinduismus auf Bali. Damals gabs die Königreiche, die vertrieben wurden und die sind dann nach Bali geflüchtet, z. B. das Mahajapit Königreich.

Ich weiß nicht, ob es in ganz Indonesien so war, aber zumindest in Java war es sehr verbreitet. Ob das auch in Papua der Fall gewesen war, dazu kenn ich die Geschichte zu wenig.

 

Gunda: Weniger wahrscheinlich.

 

Markus: Ja, hätte passieren können. Es sind Teile noch da und ich finde, die Religionen vertragen sich im großen Ganzen eigentlich auch sehr gut. Es gibt gar nicht so viele Probleme. Natürlich gibt es immer mal Streitfälle, aber dafür, dass Indonesien so gemischt ist – es gibt Christen, es gibt Buddhisten, es gibt Hinduisten, es gibt Muslime – dafür funktioniert es eigentlich noch recht gut, finde ich.

 

Gunda: Ja, das stimmt. Man ist doch recht tolerant. Mit Ausnahmen natürlich, aber ich denke, die hat man überall.

Ein anderes Thema. Wir haben vorhin schon ein bisschen was über dein Leben gehört, das Familienleben und die Herausforderungen, die mit sich kommen. Ihr habt ja auch Kinder. Was ich vorhin gehört habe, sind die Kinder in Deutschland geboren und dann seid ihr nach Bali – ist das richtig soweit?

 

Markus: Nein, nicht ganz. Wir haben drei Kinder, die noch recht klein sind. Die Älteste ist jetzt 6 Jahre alt und das Kleinste ist zweieinhalb. Die Große ist noch in Deutschland geboren und wir haben uns dann entschieden, nach Bali zu gehen.

Die Frage war immer im Raum. Wir haben acht Jahre lang in Deutschland gelebt, da meine Frau erst nach Deutschland gekommen ist. Sie hat eine Ausbildung im Hotelfach gemacht und war in dem schönen Fünf-Sterne-Hotel „Hessischer Hof“ in Frankfurt. Sie hat dort sogar einmal – worauf ich schon ein bisschen neidisch bin – die Gelegenheit gehabt, den Dalai Lama zu treffen und hat mit ihm kurz in dem Hotel gesprochen.

Wir haben viel erlebt und sie hat auch in Deutschland und Europa viel erlebt. Sie konnte sich sehr gut adaptieren und spricht auch die Sprache fließend. In den acht Jahren war die Frage aber trotzdem da. Es gab immer ein paar Sachen in Deutschland, mit denen ich mich manchmal ein bisschen schwer getan habe, vor allem was die Philosophie angeht. Ich war auch zeitweise ein bisschen gedrückter Stimmung und hatte ein paar depressive Epochen.

Die Frage war letztendlich: Was will man vom Leben? Wir waren an dem Punkt, an dem arbeitstechnisch auch nicht mehr wirklich viel weiter ging, alles wäre in dem Stand geblieben. Es war dann die Überlegung: Deutschland oder Indonesien bzw. Bali?

Wir haben dann gesagt, dass wir das einfach machen und ausprobieren, bevor wir dann irgendwann sagen: hätten wir doch oder wie auch immer… Man kann ja im Notfall immer noch zurückgehen.

Wir hatten am Anfang auch noch einen sicheren Boden, weil ich in Elternzeit war. Die ersten Jahre hätten wir noch zurück gekonnt, weil dann eine Stelle gehabt hätte, die auf mich gewartet hätte. Mittlerweile ist das so nicht mehr der Fall.

Wenn wir uns jetzt entscheiden würden, müssten wir wieder von Neuem anfangen.

Und ich muss sagen, Corona mit Kindern in Deutschland, ich weiß ich nicht, ob ich das hätte durchmachen wollen. Da haben wir hier schon bessere Möglichkeiten.

Ich bereue es auch nicht. Uns geht’s gut und wir haben viel gelernt. Jetzt sind wir seit fünf Jahren hier und da kriegt man neue Erfahrungen. Die zwei anderen Kinder sind hier geboren. Natürlich fing es dann beim ersten Kind an: Wie ist es mit dem Krankenhaus und wie funktioniert das mit der ärztlichen Betreuung?

Es ist schon bisschen anders als in Deutschland, aber ich muss sagen: Kinder kriegen sie auch hier und es funktioniert!

 

Gunda: Ja! Das ist spannend, denn Gesundheit ist ja ein Thema und dann aber auch Schule, Erziehung und Bildung. Ich kenne von vielen gemischten Paaren, dass sie dann eher mit den Kindern nach Deutschland gehen, damit sie eine entsprechende Schulbildung und Ausbildung genießen, aber bei euch ist es ja eher andersrum. Wie habt ihr das für euch ausgemacht?

 

Markus: Ja, man will natürlich immer das Beste für die Kinder, das ist schon klar. Kein Elternteil will irgendwas schlechtes. Jetzt ist aber die Frage „Was ist das Beste für die Kinder“ nicht so leicht zu beantworten. Ich habe bei mir selber gemerkt, dass ich zwar alles hatte, eine gute Ausbildung und eine Arbeit, aber glücklich ist was anderes. Und auch was man fürs Leben lernt, ist was anderes.

Meine Erfahrungen, die ich gesammelt habe, sind viel mehr wert als das, was ich in der Schule gelernt habe. Ich bin eher ein bisschen kritisch, obwohl ich eigentlich selber im Bildungssystem bin. Ich unterrichte schon seit 20, 25 Jahren mittlerweile.

Ich habe in dem Bereich als Tutor angefangen und dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich habe immer mit Studenten gearbeitet und das schulische System bzw. dieses Frage-Antwort-System, das wir in Deutschland haben – also: Der Lehrer sitzt vorne und fragt die Schüler, die antworten, die Klassen sind voll mit 30 Leuten.

Wenn ich überlege, was bei mir in der Schule hängen geblieben ist und vor allem was die Lehrer gedacht haben, was ich bin. In Deutsch habe ich grundlegend nur Sechser geschrieben und in Diktat mangelhaft. Mit Sicherheit würde keiner meiner Deutschlehrer glauben, dass ich jetzt Autor von Büchern bin und dass ich Master und Bachelorarbeiten korrigiere. Ich finde also, da muss dann eher im System irgendein Fehler liegen, weil die es nicht geschafft haben, mich in der Hinsicht mitzunehmen.

Dieses Grundlehren gibt’s auch hier in der Grundschule. Das funktioniert zum Teil ähnlich, so dass ich da nicht so viel Unterschied sehe. Natürlich hat man in Deutschland für später viele Möglichkeiten, man hat viele Themengebiete, die man studieren kann. Hier studieren die meisten irgendwas mit Tourismus und das geht dann auch nicht so tief wie in Deutschland.

Da könnt dann die Frage kommen, ob es in Deutschland sinnvoller ist oder nicht. Aber erstens könnte ich auch noch nicht sagen, wie es in 10 Jahren aussieht – so eine Prognose würde ich gar nicht wagen – und dann weiß man nicht, wie es in Bali aussieht.

Die Entwicklung Indonesiens und wie sich Deutschland sich entwickelt und wohin wir wollen – denn es ist nicht so, dass ich sage  Bali ist der absolut beste Platz auf der Erde und es gibt keinen anderen besseren Platz. Deutschland hat auch seinen Charme. Das hängt aber an einem selber, wie man zurechtkommt und wie man das empfindet.

Das Bildungssystem ist ein bisschen unterschiedlich, aber ähnlich und Gedanken macht man sich als Elternteil auf jeden Fall. Ich bin mir auch nicht sicher, was das Richtige ist, aber die Möglichkeiten zum Lernen sind für jeden da. Es gibt mittlerweile auch hier YouTube und Internet und alle Information als Online-Veranstaltung. Man könnte notfalls alles machen, auch ein Fernstudium wäre möglich. Das hängt aber immer an einem selber.

 

Gunda: Ja, das stimmt. Heutzutage hat man viele Möglichkeiten und zur Not können sie ja, wenn sie dann groß sind, zum Studieren auch nach Deutschland gehen. Das ist ja eigentlich kein großes Thema.

 

Markus: Ja, wobei das bleibt noch ein bisschen spannend. Wir haben noch Zeit und die Frage ist, ob es dann einfach ist. Ich kenne diesen Prozess ja auch, da wir viele ausländische Studierende an der Frankfurter University of Applied Science haben. Das Problem ist, dass die Visabeschaffung für die Studenten immer schwieriger wird. Die Regeln werden immer komplexer. Sie werden häufig abgelehnt oder es dauert ewig, bis sie das Visum kriegen.

Meine Kinder haben jetzt bis zum 18. Lebensjahr noch beide Nationalitäten, aber mit 18 müssen sie sich dann entscheiden, wenn sich da nichts daran ändert. Ich wüsste momentan noch nicht, wie wir das machen sollten und was da besser ist. Wenn sie dann den indonesischen Reisepass kriegen, können sie nicht mehr so einfach irgendwohin. Es hat noch Zeit, aber es geht schneller, als man manchmal denkt. Meine Kleine ist jetzt schon sechs Jahre alt sind, das heißt es sind noch zwölf Jahre, dann muss sie sich entscheiden.

 

Gunda: Ja, wobei das auch recht früh ist für ein Kind. Selbst mit 18 weiß man noch nicht, wo man später mal dauerhaft sein will. Stell ich mir schwierig vor.

 

Markus: Ich hoffe, dass die da noch was ändern. Aber man weiß es nicht, man muss die Sachen eh immer annehmen, wie sie sind. Man kann nicht irgendwie was übers Knie brechen oder versuchen, was anders zu machen, als es ist. Wenn ich nicht wollte, dann würden wir wieder nach Deutschland gehen und sie hätten den deutschen Pass.

Ich weiß nicht, also in der Zeit von Corona ist es für meine Kinder definitiv besser gewesen hier zu sein. Wenn ich überlege, wie es in Deutschland für die Kinder aussieht im Lockdown. Die hocken in engen Räumen oder Apartments und Wohnungen. Da haben viele Defizite, die sie wieder aufarbeiten müssen. Die häusliche Gewalt in Deutschland hatte auch dementsprechend zugenommen und die Statistiken in der Kinderpsychologie sind auch eher negativ. Da haben meine Kinder richtig Glück gehabt bisher.

 

Gunda: Das Leben in Indonesien bringt viele Herausforderungen mit sich, aber es hat auch viele positive Seiten. Was schätzt du denn so am meisten? Fällt dir da spontan irgendwas ein bzw. ein paar Sachen, die du nicht missen möchtest.

 

Markus: Ich habe noch nie so sehr in der Natur gelebt, wie hier. Wir haben Freiheiten und ein großes Grundstück. Damals als wir es gekauft haben war es noch sehr billig, mittlerweile könnte ich mir das wahrscheinlich auch nicht mehr leisten – es ist auch schon 14 Jahre her.

Und hier wird keinem großer Druck gemacht von irgendwoher. Wir haben hier die Freiheiten, sind quasi selbstständig und müssen nicht irgendwie ein Rädchen drehen und irgendwas machen. Klar müssen wir letztendlich auch gucken, dass wir finanziell über die Runden kommen, aber das klappt ganz gut.

Ich mache mir nicht mehr so viel Angst wie in Deutschland, wo vieles durch Ängste getrieben ist. Da habe ich immer ein bisschen ein Problem damit. Ich glaube mittlerweile könnte ich damit auch etwas besser klarkommen, aber wenn man in Deutschland im System nicht funktioniert, dann bist du wieder weg. Und hier macht einem keiner diesen Druck.

Dann natürlich das Wetter, die Wärme und Sonne – das würde ich schon vermissen in Deutschland. Ich rede auch viel mit Freunden in Deutschland und das ist das, über das sie sich am meisten beschweren momentan: das kalte Wetter und kaum Sonne.

Man kann hier anpflanzen – das würde ich ein bisschen vermissen.

Ich muss auch dazu sagen: In Deutschland war ich halt der Informatiker und habe mich darüber identifiziert und wenn man erstmal hierher kommt, lernt man auch einen anderen Umgang. Denn mir wurde das erstmal weggenommen. Man muss erstmal schauen, wer man eigentlich ist.

Die ersten zwei Jahre habe ich dann versucht, ein bisschen Gemüse anzubauen mehr oder weniger erfolgreich. Ich habe viel Meditation gemacht und habe quasi mein Ich gesucht. Und jetzt bin ich alles, ich bin so eine Mischung. Ich lebe die Kultur hier, ich arbeite aber immer noch im Bereich Informatik und es macht mir auch Spaß und ich bin einfach offen für alles.

Ich habe jetzt erst eine Solaranlage für den Pool installiert, damit die Poolpumpe nicht die ganze Zeit läuft und den Strom vom Elektrizitätswerken verbraucht. Das war auch wieder ein spielerisches Projekt, aber hier kann man sich halt ausleben.

 

Gunda: Man ist nicht so in eine Schublade gesteckt, finde ich.

 

Markus: Ja, absolut. Ich meine, wir sind ja hier immer die orang bule mit einer hellen Hautfarbe. Die nennen uns so und das werde ich auch nie los, selbst wenn ich in die Familie integriert bin. Ich habe zwar mittlerweile die Verpflichtungen, die man als Familienvater hat, aber man ist trotzdem immer jemand anderes und dadurch hat man auch gewisse Freiheiten.

Und Schubladendenken: Ich weiß nicht, wie viele hier schon manchmal bei mir am Verzweifeln waren, weil ich bestimmte Sachen so haben wollte, wie ich sie haben wollte. Am Anfang habe ich noch versucht, zu diskutieren und probiert – manchmal geht es so und manchmal nicht.

Früher hatten wir hier noch gar keinen Strom, da habe ich schon angefangen und kleine Solaranlage gemacht. Das hat natürlich damals viel Geld gekostet und alle haben gefragt: Warum denn? In ein paar Jahren kommt doch sowieso Strom und kannst doch Generator benutzen, wenn du Strom brauchst! Ja, aber das es ideologisch sinnvoll ist und dass das Spaß macht, hat keiner verstanden.

Mein Schwiegervater z. B. der hat nie Bali verlassen, sein Horizont ist hier in Tejakula, der hat dieses Wissen nicht, das ich habe – das sind halt andere Voraussetzungen. Und damit muss man halt klar kommen. Man muss diese Welten akzeptieren und kann die mischen und man muss akzeptieren, dass die manchmal nur den Kopf schütteln über uns Westler.

Ich bin ja auch in viele Fettnäpfchen getreten. Ich weiß nicht, wie es bei euch in der Gegend ist, aber wenn die hier den Müll verbrennen zum Beispiel und den Müll dann einfach Müll irgendwo hinschmeißen, dann wissen wir Westler es ja immer besser.

Wir haben dieses passiv-aggressive, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht, schütteln wir es auf der anderen Seite den Kopf in einer passiv-aggressiven Art. Das habe ich zum Teil auch gemacht, wenn einer hier den Müll hingeschmissen hat. Da bin ich mit meinem Nachbarn mal ein bisschen aneinandergeraten und er war dann eine Zeitlang ziemlich sauer auf mich. Da musste ich halt auch lernen, dass die haben ein anderes Verständnis haben und: Wo sollen die den Müll auch hinbringen?

Wir haben hier mittlerweile eine Müllabfuhr, aber bei uns in Deutschland wird der eingesammelt und die Leute denken, es ist alles gut. Dabei produzieren wir in Deutschland viel mehr Müll und vieles davon landet jetzt in Indonesien. Früher hat den China eingesammelt und damit Geld bekommen und China hat jetzt gesagt, dass sie ihn nicht mehr nehmen und jetzt ist irgendwie Importrate von Müll in Indonesien irgendwie ums dreifach oder so gestiegen.

Also auch Deutschland ist nicht perfekt und wenn wir uns dann hier als Westler hinstellen und sagen: Das müsst ihr aber so oder so machen… Also ich musste schon auch viel lernen.

 

Gunda: Ja, das stimmt. Das ist bei uns hier ähnlich.

Gibt’s denn etwas aus Deutschland, was du vermisst und was dir fehlt?

 

Markus: Wir kriegen ja hier mittlerweile die meisten Sachen, das ist wirklich klasse geworden. Über das Internet kann man viel bestellen. Wir haben jetzt Tokopedia, die alles hier hin liefern und da kriege ich wirklich viele Sachen.

Es ist allerdings auch immer eine Frage des Preises. Also was ich und meine Frau z. B. ganz klar vermissen ist Käse. Meine Frau hat sich in Deutschland in Käse verliebt und in Frankfurt gab es einen schönen Käseladen mit dem besten Käse. Meine Frau hat im Fünf-Sterne-Hotel auch den Luxuskäse serviert und wenn er übrig geblieben ist durfte sie den manchmal auch verkosten oder mal etwas mit nach Hause bringen.

Diese Qualität an Käse kriegt man hier natürlich nicht. Was man kriegt ist so ein Camembert, aber der ist weit entfernt von dem, was wir in Deutschland an Käse haben.

Die meisten anderen Sachen kriegt man aber mittlerweile. Ich habe jetzt sogar Sauerkraut online bestellt und beim nächsten Mal mache ich es vielleicht selber – das ist ja auch nicht so schwierig. Rotkraut habe ich versucht, da ist aber bei der Bestellung was schief gegangen und es ist kaputt gegangen, weil es im Glas war. Das habe ich jetzt selber gemacht, aber auch noch nicht selber probiert.

Und man kriegt ja mittlerweile sogar Roggenmehl und sowas. Aber klar, so in eine schöne Bäckerei reingehen in Deutschland und den Duft bekommen und dann ein Schnittchen kaufen – das hat schon auch was.

Und was mir manchmal ganz doll fehlt hier: Wir müssen fast immer selber kochen, das heißt, wenn ich im Dorf essen gehe, dann sind diese Warungs immer ein bisschen einfallslos. Du kriegst fast immer nur gebratenen Reis und Cap Cay, Gemüse, das überkocht ist. Kulinarisch sind sie noch nicht soweit. Babi guling, also Schwein, ist eins der traditionellen Gerichte oder Hähnchen, das frittiert ist. Frittieren tun sie hier auch sehr viel.

Im Süden kriegt man natürlich deutlich bessere Sachen und da ist die Auswahl größer. Aber man muss natürlich auch mehr Geld da lassen. Und hier, wenn man bestimmte Sachen haben will, muss man gesundes Essen dann doch eher selber machen.

Und wenn man mal raus will und Nasi Campur essen will – manchmal hat man Glück und es ist ein bisschen Gemüse dabei, aber meistens ist es sehr fleischlastig. Mal rausgehen und was Schönes essen – gerade jetzt zu Corona Zeiten haben die Geschäfte, die hier waren, jetzt erstmal zugemacht. Ein Warung gibt es noch hier, das ein bisschen mehr in die Richtung geht. Aber es sind halt keine Touristen da und dann lohnt es sich einfach nicht, denn die Einheimischen können sich das nicht leisten.

 

Gunda: Also ist bei uns ähnlich oder sogar fast noch schlimmer. Wir haben hier eigentlich auch nur Hühnchen und Fisch mit Reis. Es ist das höchste der Gefühle, wenn da noch ein bisschen Tempe oder sowas dabei ist, aber Gemüse gibt’s hier in den Warungs gar nicht . Da muss man in der Regel sowieso selber kochen.

Ich kann das ein bisschen nachvollziehen, denn wenn man selber kocht, ist es ja auch manchmal eintönig und man hätte schon gerne ab und zu ein bisschen was anderes mit drin. Aber wenn ihr auf Bali ab und zu was bestellen könnt, das ist natürlich schon mal voller Luxus.

 

Markus: Ja, absolut klasse. Ich habe jetzt sogar mal Olivenöl bestellt, denn das kriegst du meistens in kleinen Flaschen. Ich habe jetzt direkt einen fünf Liter Kanister Olivenöl bestellt, damit ich das ein bisschen mehr benutzen kann. Hier wird halt doch sehr viel von dem Palmöl genommen, was ja hier produziert wird und das ist auch nicht so ökologisch. Jetzt habe ich Olivenöl und kann das benutzen, wenn ich was anbrate.

Es ist ja ein anderes Problem, denn gesundheitlich tun sie sich momentan auch keinen Gefallen. Das war früher ein bisschen besser, aber jetzt ist sehr viel einfach in Fett frittiert. Aber sie haben Glück, dass hier so viel Obst wächst. Durch die Opfergaben hier in Bali , wenn die wieder eingesammelt werden, ist viel Obst da, was dann gegessen wird. Dadurch leben sie ein bisschen gesünder.

Aber nur Reis mit irgendwas Frittiertem. Gibt ja auch die Gorengan, da machen sie dann frittierte was auch immer – Tempe, Bananen – und das ist alles schon sehr viel Fett. Auch die Süßigkeiten nehmen zu. Die klassischen Bali Süßigkeiten nehmen etwas ab und dafür werden andere Süßigkeiten noch süßer.

Aber man kann sich hier gesund ernähren. Früher waren die Ernährung auch deutlich gesünder. Es ist allerdings ein großes Problem geworden. Also was ich hier an Herzinfarkten oder Schlaganfällen und Diabetes mitkriege – das ist schon sehr viel geworden.

 

Gunda: Ja, es ist einfach unglaublich viel Zucker überall drin. Also wenn man mal irgendwo indonesischen Kaffee trinkt – ich kann den nicht trinken, da ist einfach viel zu viel Zucker und das ist hier normal.

 

Markus: Ja, also bei Tee oder Kaffee ist mir auch immer zu viel Zucker drin, ich mache da etwas weniger rein. Wobei das ist noch nicht mal das Schlimmste – die Fertigwaren für die Kinder! Ich bin richtig glücklich, dass ich es bei meinen Kindern geschafft habe, dass sie regelmäßig Zähne putzen.

Bei uns in der Kindheit war es auch nicht anders. Meine Zähne waren als Kind auch ähnlich – meine Mutter war eh beschäftigt und hatte nicht so viel Zeit, um sich um mich zu kümmern. Ich war ein Scheidungskind und sie musste arbeiten gehen.
Aber wenn ich hier die Kinder sehe, die haben fast alle mittlerweile schwarze Zähne und die von meinen Kindern sehen noch gut aus. Man muss es nur machen und dann klappt es auch. Ich versuche trotzdem diese Süßgetränke zu vermeiden, die sind extrem süß. Da ist noch nicht mal der Tee, den die anbieten, wenn man irgendwo zu Besuch kommt, das Problem. Ich weiß nicht, ob du die Dinger auch schon probiert hast. Also ich kriege die nicht runter. Das sind so Plastikteile – ich weiß die Namen zum Teil schon nicht mehr – die sind so süß und haben nichts mit Orange oder irgendwas zu tun.

 

Gunda: Schlimm, ja. Und dann wird es überall angeboten und die Kids wollen es natürlich auch.

 

Markus: Klar, das ist überall verlockend. Das sind auch alles wieder kleine Päckchen, wo man sich als Westler natürlich die Hände überm Kopf zusammenschlägt, weil das alles Müll ist und so kleine Plastikteile.

Allerding muss man auch dazu sagen, dass wir in den Tropen sind und wenn du versuchst, Sachen haltbar zu machen – hier ist ja nichts sicher, es geht alles kaputt. Ich hatte schon Kichererbsen im Glas, wo irgendwie die Tiere nach einer Zeit drangehen und wenn etwas in Plastik eingeschweißt ist, ist es doch recht komfortabel.

[00:50:28] Aber die Sachen, die man mal schnell kauft, da wäre es mir schon lieber, wenn sie das mit Mehrwegtaschen oder so machen. Es ist auch oft das Verständnis von ihnen. Sie kennen die Problematik nicht so extrem wie wir, denn es wird ihnen nicht anerzogen, was Global Warming, Erderwärmung, Klimawandel, Umweltverschmutzung ist.

Ich war mal Einkaufen und habe meine schöne Tasche mitgebracht, damit sie das da reinmachen und da sagt die Verkäuferin dann zu mir: Warte mal, ich mach dir noch eine Plastiktüte drum, damit die Tasche nicht dreckig wird! Das ist natürlich genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich will.

 

Gunda: Ja, wir sind auch schon bekannt dafür. Wenn wir auf dem Markt einkaufen gehen, dann sagen sie schon immer: Ne, die brauchen keine Plastiktüte, die haben ihre eigenen Taschen dabei! Die wissen jetzt schon Bescheid – wir sind aber auch nur ganz wenige Ausländer auf unserer Insel.

Ja, Markus, magst du zum Abschluss vielleicht noch ein paar Tipps geben für interessierte Auswanderer, die nach Bali auswandern möchten? Gibt’s da irgendwas Spezielles?

 

Markus: Ich weiß nicht, ob man grundlegende Tipps geben kann. Ich würde nicht einfach mit so blauäugig hier herkommen und denken: Hier wird alles toll! So wird es nicht sein, so war das bei mir nicht, denn es ist ein Prozess. Man muss bei bestimmten Dingen immer sehr flexibel bleiben. Es hat auch sehr viel mit Bürokratie zu tun, um die man sich kümmern muss.

Man wird nie hundertprozentig integriert sein als Westler, wenn man z. B. nach Bali kommt, man wird nie eins mit einem Einheimischen. Das muss man sich halt alles bewusst machen. Man kann hier aber ein recht schönes Leben haben, wenn man flexibel ist und was machen will – das hängt dann aber auch davon ab, wo man hin will und wie viel man von dem alten Leben noch mitnehmen will.

Die meisten verschlägt es ja doch eher nach Ubud, Sanur, Canggu, da sind die meisten Expats anzutreffen. Hier im Norden sind schon nur die anzutreffen, die wirklich bereit sind, auch das Leben, das hier ist, zu leben.

Ich habe es mir gar nicht richtig ausgesucht. Bei mir ist es einfach gekommen, deswegen ist es ein bisschen leichter gesagt als getan. Ich hatte nie wirklich eine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich verliebt und versucht, die Beziehung am Laufen zu halten und zu leben und dann kam halt das raus, was passiert ist. Man bekommt irgendwann Kinder und dann muss man überlegen, wo man lebt und wie man lebt und muss man auch Kompromisse eingehen.

Wir haben anfangen mit einer Fernbeziehung und wenn man zusammenlebt – also man streitet sich zum Teil weniger bei Kleinigkeiten, weil man schon überlegen muss, wie man überhaupt die verschiedenen Kulturen zusammenbringt. Es ist schon eine andere Kultur als in Deutschland, die muss man beachten und auch respektieren. Es bringt nichts, nur seinen Weg zu gehen und zu meinen man müsste die anderen hier unterrichten oder sagen, wie es funktioniert.

Man kann als gutes Beispiel vorangehen, das funktioniert immer, aber bloß nicht dieses „Ich helfe denen, ich komme hier an und zeig denen, wo es richtig langgeht“ aus Deutschland mitbringen. Damit haben sich schon viele schwer getan.

 

Gunda: Das stimmt.

Wo kann man dich denn online finden und auch das Buch kaufen? Ich werde dann alles unten verlinken, wenn jemand Interesse hat, das Buch zu lesen, das du geschrieben hast.

 

Markus: Das Buch gibt’s natürlich überall im Handel zu kaufen. Es heißt Bali verstehen lernen und mein Name ist Markus Krauße – das reicht schon zum Suchen. Es beschreibt den Hinduismus und ist ein Einstieg in die Religion. Was muss ich tun, wie verhalte ich mich im Tempel, wie viele Götter gibt es überhaupt – da gibt’s ja auch immer wieder Missverständnisse, ob es eine polytheistische oder monotheistische Religion ist. All diese Sachen werden beantwortet in dem Buch.

Und uns findet man in Tejakula. Man kann mich auch erreichen unter bali@nachor.de. Wir haben eine Villa zum Vermieten, die aber erst seit Corona fertig ist. Wir haben also noch keine Webseite gemacht. Das Ziel war eigentlich zwei Klientel anzusprechen: zum einen die, die kulturell interessiert sind und die dann vielleicht auch ein paar Fragen an mich haben oder vielleicht eine Zeremonie mitmachen wollen.

Und zum anderen Familien mit Kindern. Wir haben selber drei Kinder haben und haben genug Platz: Wir haben einen Pool mit einem Zaun drumherum, die Steckdosen sind alle abgesichert, so wie es sich für deutsche Haushalte gehört. Man kann die Kinder als auch mal unbeaufsichtigt spielen lassen. Es gibt viel Spielzeug und von daher passen diese zwei Klientel ganz gut.

Wenn also jemand Interesse hat, hierherzukommen, sehr gerne. Aber momentan lassen sie aus Deutschland leider immer noch keinen rein. Mal sehen, wir es in Zukunft aussieht.

 

Gunda: Ja, das bleibt abzuwarten. Ich werde auf jeden Fall deine E-Mail-Adresse verlinken und dann können dich Interessierte einfach direkt kontaktieren.

 

Markus: Ja und ich teile mein Wissen gerne, das habe ich schon immer gemacht und ist letztendlich eine meiner Leidenschaften!

 

Gunda: Super, perfekt. Ich danke dir auf jeden Fall, dass du dabei warst und deine Erfahrungen mit uns geteilt hast. Es war super spannend, vor allem das Thema Hinduismus. Vielleicht hören wir uns ja wieder mal.

 

Markus: Ja, ich bedanke mich auch bei dir, Gunda. Und vielleicht bis zum nächsten Mal.

 

Gunda: Danke, tschüss.

 

Markus: Tschüss.

 

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